Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 415
ihre Politik. So beruhte sie selbst bei den Besten ihrer in⸗—
tellektuellen Seite nach auf Einfällen und ihrem sittlichen
Charakter nach auf bloßem Trieb: Chlodovechs Verhalten zu
dem Krieger, der einen bestimmten Beuteanteil forderte, Karls
des Großen Verdener Blutbad sind im kleinen und großen
ebenso kennzeichnende wie schreckliche Beispiele. Natürlich, daß
bei dieser seelischen Disposition fremdem Einflusse, namentlich
dem der Kirche, Tor und Tür geöffnet war: und so kam zur
eigenen Impulsivität noch der Zufall äußerer Anregung.
Nahm nun diese innere Disposition auch ständig ab zu—
gunsten stärkerer Selbstbeherrschung und Selbständigkeit, so
verraten doch selbst im 11. Jahrhundert befremdende Er—
eignisse von Zeit zu Zeit ihr immer noch kräftiges Dasein;
und eben sie verleihen dem Geschlechte der fränkischen Kaiser
für unseren Eindruck noch den Charakter des Archaischen. Aber
auch in der Stauferzeit, bei Friedrich J. wie Friedrich II.,
ja selbst bei dem milden Philipp finden sich noch solche, jetzt
freilich schon in hohem Grade überraschende Züge; mitnichten
hat sie schon das höfische Leben und die ihm eingeschriebene
Erziehung zur maze völlig ertötet.
Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dagegen
beginnt die Politik der Könige wie der nun schon zahlreich
vorhandenen Fürsten andere Züge zu zeigen. Das Handeln
aus dem Stegreif hört immer mehr auf; es bilden sich be—
stimmtere Formen des diplomatischen Verkehrs, die allein schon
fähig sind, es zu verhindern; und das 14. Jahrhundert sieht
bereits eine fast übergroße Summe diplomatischer Bräuche, die
das Handeln verzögern und hinziehen, um es gleichmäßiger zu
gestalten: bis sich im Laufe des 18. Jahrhunderts der ständige diplo⸗
matische Verkehr unter den einzelnen Staaten entwickelt und unter
Karl V. einem gewissen Abschlusse seiner wesentlichen Einrichtungen
entgegengeht. Wird nun dies neue Element einer mehr be—
rechnenden Führung diplomatischer Geschäfte etwa besonderen
Umständen allein, und selbst so allgemeinen etwa, wie dem
Aufkommen rechnungsmäßiger und berechnender Fähigkeit in
der Volks- und Privatwirtschaft, verdankt? Schwerlich; es
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