Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 417
in der Gemengelage ihrer Gebietsteile innerhalb der Reichs—
grenzen aufs engste aneinanderstießen, so war Krieg und Kriegs—
androhung bei aller wachsenden Sicherheit innerhalb des Be—
reiches des einzelnen Territoriums selbst an der Tagesordnung.
Die entscheidenste und folgerichtigste Durchbildung aber
erfuhr dieser Zustand, der schon von den Zeitgenossen des
16. Jahrhunderts als unbehaglich empfunden wurde, durch
den Dreißigjährigen Krieg. Denn in seinem Verlaufe ver—
quickten sich die lokalen und regionalen Gegensätze der ein—
zelnen Territorien untereinander dadurch, daß die Territorial⸗
fürsten ständig Bündnisse mit auswärtigen Mächten eingingen,
dauernd mit den internationalen, und diese neue Konstellation
ließ den Reichsverband mehr wie jemals zurücktreten. Es ist
eine Entwicklung, die der Westfälische Friede in wesentlichen
Punkten sanktioniert hat; und darum befand sich das Reich
seitdem im Grunde in einem Zustande ständiger und stetig
zunehmender Auflösung unter der schadenfrohen Aufsicht der
auswärtigen Garantiemächte des Westfälischen Friedens.
Zu alledem kam noch das verlorene Gefühl der Sicher—
heit nach außen. Wie selten hatte unser Vaterland im Mittel—
alter auswärtige Feinde gesehen! Jetzt, in Zeiten voller Ohn—
macht, zeigten sich die verhängnisvollen Folgen der zentralen
Lage der Heimat. Wie sich auf deutschem Boden die Floren
und Faunen von fast ganz Europa berühren, so hatten sich auf
diesem Boden nunmehr die Völker Europas von den Spaniern bis
zu den Türken, von den Italienern bis zu den Schweden und
Finnen geschlagen. War da Aussicht, daß diese fürchterliche
Lage so bald aufhören werde? Noch viel später hat die euro—
päische Welt das Wort Völkerschlacht als ein spezifisch in
Deutschland geprägtes in ihr Begriffssystem übernehmen können.
Und nochmals hierüber hinaus: besaß denn die Nation
um 1650 noch den für ihre Einheit auch nur allernotwendigsten
Schatz prinitiver politischer Begriffe? Noch 1618 war man
mit großen idealen Motiven, vor allem religiösen, in den
Kampf gezogen; nun waren sie in dreißig Kriegsjahren ver⸗
dorrt und zerstäubt; nacktem Egoismus hatten sie Platz ge⸗