Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 467
lernt, in welchen Wirren und Verfallsvorgängen ihrer inneren
Geschichte sie von der Höhe herabsanken, die sie etwa um die
Mitte des 17. Jahrhunderts erreicht hatten; wie unter dem
Kampfe zwischen der oranischen Partei und den Handelsaristo—
kraten der Provinz Holland die öffentlichen Interessen litten,
und wie mit dem Siege derer, die Jan de Witt zum leitenden
Minister erhoben, unkriegerische Kurzsichtigkeit die Fuhrung der
äußeren Politik, zum guten Teile sogar gegen de Witts Ansicht, zu
beherrschen begann. Es war eine Zeit schon allgemeinen Nach—
lassens, deren Charakter und Folgen man im Auslande zum
guten Teile übersah; und so blieben die Niederlande ver—
einsamt.
Welch anderen Erfolg hatte dagegen die französische Diplo⸗—
matie, die nunmehr, und bald ganz offensichtlich, einen fran⸗—
zösischen Krieg gegen die Niederlande vorzubereiten begann!
Sie zerpflückte zunächst den Bund zwischen den beiden See—
rivalen England und Holland; im Juni 1670 kam zwischen
Frankreich und England der Geheimvertrag von Dover zustande,
der England zur Teilnahme am Kampfe gegen die Niederlande
verpflichtete. Sie gewann dann, kurz vor Ausbruch des Krieges,
April 1672, auch Schweden: das System des Triplekonzerts
var dahin.
Und längst schon hatte sie inzwischen auch im Reiche gegen
Holland Fuß gefaßt. Gewiß war man sich hier an mehr als
einer Stelle über die von Frankreich drohenden Gefahren klar:
wurden die nördlichen Niederlande überwältigt, so fielen auch
die südlichen: und ließ sich dann das Land jenseits des Rheines
überhaupt noch halten? Aber zu einem allgemeinen Eingreifen des
Reiches, dem einzigen einigermaßen aussichtsvollen Mittel des
Widerstandes, kam es dennoch nicht. Man erschöpfte alle Tat—
kraft in partikularen Versuchen, Vorkehr zu treffen, verquickte
diese dadurch mit partikularen Interessen, und der Rest war
Wunderlichkeit und Mißerfolg. Da trat der Mainzer Erz⸗
VBgl. zu dem Folgenden, wie diesem Abschnitte überhaupt, Band
VI-2, S. 6s8 ff.