Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Urleges. 473
konnte. Die sorglose und im Grunde unkriegerische Aristokraten—
partei war gestürzt worden, und der Oranier Wilhelm III.,
bald der gewaltigste Gegner Ludwigs XIV., kam ans Ruder:
am 8. Juli, einen Monat nach dem Frieden von Vossem, ist er
zum lebenslänglichen Generalkapitän und Generaladmiral der
Staaten ausgerufen worden.
Und, was noch verwunderlicher erscheinen konnte, auch
die Stände des Reiches, ja der Kaiser erholten sich von Irr—
tum und Schrecken. Getrieben durch die öffentliche Meinung
in den führenden Kreisen und im Bereiche der im 17. Jahr—
hundert üppig emporblühenden politischen Publizistik, zudem
selbst voll Sorge für sein Haus und dessen Interessen nicht
nur in Deutschland, die dadurch immer mehr berührt wurden,
daß die französische Politik Miene machte, vor allem auch die
spanischen Niederlande zu erwerben, suchte Leopold J. jetzt eine
umfassende Koalition gegen Frankreich zusammenzubringen. Er
gewann Spanien, worauf sterreich und Spanien sich mit
den Niederlanden verbanden; dem folgte der Anschluß nicht
weniger Reichsstände: so der bedrohtesten, des Herzogs von
Lothringen und des Kurfürsten von Trier, aber auch ferner
slehender, wie des Kurfürsten von Sachsen und des Königs
bon Dänemark.
Und kräftig und mit klaren Zielen schritt die neue Koa—
lition vorwärts. Die Franzosen, die sich inzwischen am Rheine,
und zwar auch am Oberrheine, häuslich eingerichtet und in
den Niederlanden einen zweiten Sommerfeldzug mit der Er—
oberung Maestrichts eröffnet hatten, sollten auf den Besitzstand
des Jahres 1660 zurückgedrängt werden; das bedeutete die
Wiederherstellung Spaniens und der Niederlande in ihren alten
Besitz, die Zurückführung des Herzogs von Lothringen und die
Regelung der elsässer Zustände nach den Grundsätzen des West—
fälischen Friedens, welche die Franzosen, wie wir später sehen
werden, jetzt eben in der Beseitigung der Reichsfreiheit der
zehn Städte schnöde übertreten hatten.
Zur Durchsetzung dieser Absichten erschien im Herbst des
Jahres 1678 ein staͤttliches kaiserliches Heer unter dem er—