Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 99
wendung desselben auf die inneren Verhältnisse gerade der
größten Territorien, Bayerns und Hsterreichs.
Die bayrischen Fursten, neben ihnen auch die Habsburger,
ind bekanntlich die eigentlichen Vertreter des katholischen
Widerstandes gegen den Protestantismus gewesen. Damit
hatte aber die territoriale Politik im Südosten zugleich einen
besonderen Zug gegen das Bürgertum angenommen. Der
Zusammenhang wurde im allgemeinen zunächst dadurch her⸗
gestellt, daß der Katholizismus der Fürsten in Bayern wie in
sterreich zugleich, ja fast der Hauptsache nach als Widerstands⸗
gefühl erschien gegen die Stände, deren Reformfreundlichkeit in
beiden Ländern feststand. Nun waren aber die großen Städte
dieser Gegenden fast ohne Ausnahme Landstädte, gehörten mit—
hin den Ständen mit an und unterlagen darum der stände⸗
feindlichen Politik der Fürsten um so mehr, als sie der
schwächere Teil der Stände waren. Die Folge war die Unter—
drückung des Bürgertums in Bayern von vornherein — gab
es doch in Bayern im 18. Jahrhundert nur 39 Städte, in
Kursachsen dagegen 200 — in Hsterreich aber im Verlaufe des
16. und 17. Jahrhunderts: welche Massen bürgerlicher Existenzen
sind dort damals vernichtet, welche Anzahl von Familien zur
Auswanderung gezwungen worden. Es waren Vorgänge von
solchen Folgen, daß sich ihre Nachwirkungen noch bis in die
Gegenwart erstrecken: wie ist von ihnen allein schon die Ge—
schichte unseres geistigen Lebens beruührt worden! Zunächst
ber bedeuieten fie das Ausscheiden des Südostens überhaupt
aus den nächsten Jahrhunderten der Entwicklung des deutschen
Bürgertums.
Indes auch jener größere Teil dieses Bürgertums außer—
halb des Südostens, der von einem besonderen Schicksale
— nicht bloß an der unglücklichen
Entwicklung der politischen Kräfte des Reiches zugrunde ge⸗
gangen. Ebenso sehr, wenn nicht mehr, haben von auswärts
ommende UÜbel zu seinem Verfalle beigetragen.
Da ist vor allem an den ungeheueren Umschwung zu er—
nnern, der in den europäischen und internationalen Handels—