Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 117
gewesen war; und mit der sich sehr leicht gewisse andere In—
dustrien, z. B. die Strumpfindustrie, die Gazeweberei, die Gold⸗
fädenfabrikation, verbanden.
Diese Industrie trat nun in Deutschland verhältnismäßig
erst spät auf: in Köln und Brügge im 15. Jahrhundert, im
16. Jahrhundert in Antwerpen, wohin sie von Köln und
Brügge aus gelangte, ferner auf nordniederländischem Ge—
biete, wohin sie wiederum Antwerpener Refugianten trugen,
in Amsterdam und Haarlem und Utrecht; von Holland kam
sie dann auch nach Straßburg. Ein zweites Verbreitungs⸗
gebiet neben dem niederrheinischen und niederländischen bildete
dann die Schweiz: hier wurde die Seidenindustrie in Basel
und Zürich durch niederländische, italienische und französische
Refugianten begründet. Und da sieht man denn deutlich,
namentlich unter Erweiterung des Blickfeldes auf die frühere
italienische und französische Entwicklung, wie in dieser Industrie
zuerst Weber und Verleger in einer Zunft stehen und wie sie
dann als Glieder zweier übereinander stehender Zünfte er⸗
scheinen: bis die freie kaufmännische Verlegerschaft neben und
üͤber einer Anzahl freier Meister und Gesellen auftritt, die sich
dann für sich wiederum zünftig organisieren.
Indem sich nun diese Entwicklung vollzog und damit die
in der Industrie ihr Brot suchenden Menschenkräfte frei und
vielfach ohne die Fesseln der Zunft Verwendung' fanden,
brauchte die Industrie nicht mehr nur an die Städte, die
klassischen Standorte der Zünfte, gebunden zu bleiben; es war
möglich, daß sie ihre Arbeitskräfte auch auf dem platten Lande
suchte: und so wanderte sie tatsächlich vielfach hinaus aufs
Land. So sieht man in Süddeutschland und sonst die Lein⸗
wand⸗- und Barchentwebereien das platte Land aufsuchen; die
große Barchentmanufaktur der Fugger z. B. lag in Weißen⸗
horn. Und neben sie traten jetzt auf dem platten Lande
Hammerwerke, Drahtziehereien, Papiermühlen u. dgl.; ja die
industriellen Unternehmungen der Nürnberger und Augsburger
Kaufleute verbreiteten sich allmählich fast über alle wirtlicheren
Mittelgebirge des südlichen und mittleren Deutschlands.