Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 128 
Gesellen tatsächlich wenigstens teilweise zu großen Interessen⸗ 
berbänden autonomen Charakters zusammengetreten: es hätte 
scheinen können, als sei das Problem der Überführung des 
alten Zunftbetriebes in veränderte Zeiten ohne Zertrümmerung 
der alten Form mindestens grundsätzlich gelöst. 
Allein der Schein täuschte. Zunächst war das Verhältnis 
der neuen regionalen Bildungen zu den territorialen Staats⸗ 
gewalten wie zur Reichsgewalt noch keineswegs geordnet; 
ficherlich mußten die kommenden Zeiten des Absolutismus hier 
zerstörende Eingriffe bringen. Weiterhin umfaßten diese regio⸗ 
zalen Verbände doch nur einige Industrien und gerade die 
zrößten nicht. Vor allem aber entzog der allgemeine wirt⸗ 
schaftliche Verfall der Nation auch diesen Bildungen noch das 
in ihnen pulsierende Leben; insbesondere stellte sich heraus, 
daß gegenüber den zu blühendem Gedeihen erwachsenden Manu⸗ 
fakturen fremder Völker ein zünftlerischer Erport unmöglich 
war. Vor allem die Tuchmacherei, die berühmteste unserer 
alten großen Industrien, ging unter diesem Verhältnis aufs 
traurigste zurück. Schon im 15. Jahrhundert, bei weitem mehr 
dann aber seit dem 16. Jahrhundert ertönen die Klagen über 
das Wachsen der Wollausfuhr und die Einfuhr fremder, eng⸗ 
lischer und vlämischer, Tuche. Man geht daran, den Import 
zu hemmen, auch die Vorteile der fremden Erzeugnisse sich an— 
zueignen. Aber ohne Erfolg. Die Versteinerung des Zunft⸗ 
wesens läßt alle Versuche scheitern, und bei der Ohnmacht 
—V geschweige 
denn den äußeren Markt zu halten. Und wir wissen schon, 
wie diese Lage bald von den englischen Merchant Adventurers 
ausgebeutet wurde: die Einfuhr englischer Tuche vornehmlich 
durch ihre Hamburger Faktorei zerstörte auch noch die Reste 
des einst blühenden Gewerbes: selbst die sächsische Industrie 
ging zugrunde: und auf blühte nur der Wollhandel nach 
England. 
Im allgemeinen aber zeigte sich schließlich, daß unter Bei⸗ 
behaltung des Zunftwesens Ausfuhr nur noch möglich war, 
wenn, wie z3. B. in Nürnberg, ein aristokratisches Handels⸗
	        
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