Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

124

Zweiundzwanzigstes Buch.

regiment die gesamte handwerkliche Produktion in der un—
bedingten Abhängigkeit des Lohnwerks hielt und planvoll nach
den praktischen und ästhetischen Gesichtspunkten der herrschenden
Geschmacksrichtungen leitete.
Das Handwerk selbst aber büßte die allgemeine Ungunst
der Lage der Regel nach mit allmählich eintretender Ver⸗
knöcherung und schließlichem Absterben; höchstens daß im
Nordosten Deutschlands, in Gegenden spätreifer Entwicklung,
noch bis ins 17. Jahrhundert hinein einige Neubildungen wie
in der Technik so im Rechte eintraten. Im Westen dagegen
und auf mutterländischem Gebiete überhaupt war der Verfall
der Zünfte schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts offen⸗
bar, wenn man ihn auch noch durch allerlei wunderliche Mittel,
durch Zurückdrängen der Manufaktur, durch obrigkeitliche
Reglementierung der Gesellenverbände u. dgl. zu vermeiden
suchte; die Städte begannen in dieser Hinsicht schon mit den
Reichspolizeiordnungen von 1530, namentlich aber denen von
1548 und 1559 zu wetteifern. Indes das Ergebnis solcher
Bemühungen war naturgemäß gering. Die Gesellen entwichen
gegenüber Reglementierungsversuchen der Städte in die Terri—
torien, die ihrerseits die Repressionsbestimmungen der Reichsgesetzgebung
 nicht anwandten, da sie der Gesellen zur Be—
gründung territorialer Industrien zu bedürfen glaubten: und
schon diese Uneinigkeit der gesetzgeberischen Faktoren vereitelte
im Grunde jeden Erfolg. Trotz manchen guten Willens kam
es daher zu immer reißenderem Verfalle der zuünftlerischen
Industrie, und das hieß eigentlich der deutschen Industrie
überhaupt.
In den größeren gewerblichen Verbänden schoß damit
der wirtschaftliche Egoismus üppig ins Kraut. Und da dem—
gegenüber jede regelnde autonome oder staatliche Gewalt fehlte,
so kam es bald zur Anarchie, namentlich einem ständigen
Kampfe der lokalen Interessen verschiedener Gegenden wider—
einander. In diesem Zustande, dessen Austrag schließlich in
übermäßige häufige Zusammenkünfte mit Spiel, Trunk und
Unzucht entartete, war denn auch der Zusammenstoß der
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.