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Zweiundzwanzigstes Buch.
1730: „sfie spielten die Venetianer im kleinen und blähten sich
auf wie die Frösche, während doch der gesunkene Wohlstand
der Stadt sich in den devoten Bücklingen verriet, womit Gast⸗
wirte und Krämer den Fremden aufwarteten, welche sie in
Nahrung setzten.“ Und diese Beobachtungen aus Nürnberg
werden durch die Angaben Keyßlers ergänzt, der um 1780
Ulm und andere süddeutsche Reichsstädte besuchte. Er fand,
daß die Bürgerschaft daselbst mit Bällen, Kränzchen, Schlitten⸗
fahrten und sonstigen kostspieligen Vergnügungen um so lustiger
in den Tag hineinlebe, je mehr es mit den Verhältnissen des
einzelnen und des ganzen rückwärts gehe, und daß man weder
um die eigene Zukunft, noch um das allgemeine Wohl sich
sonderlich kümmere“.
Diese Einzelbeobachtungen lassen sich am ehesten durch
die Aufstellung eines Gesamtbildes des Schicksals der Reichs⸗
städte überhaupt abschließen; denn die Reichsstädte waren es
doch vornehmlich gewesen, in denen sich die Blüte des Bürger—
tums des 14. bis 16. Jahrhunderts entfaltet hatte. Da findet
sich denn, daß die kleineren Reichsstädte im 17. und 18. Jahr⸗
hundert gar nicht selten ungebührlichen Forderungen des
Kaisers unterlagen, der sich gern als ihr Landesherr und sie
demgemäß als sein Eigentum betrachtete; und nirgends fast ist
wahrzunehmen, daß man solchen übertriebenen Ansprüchen,
wenn auch nur mit der Festigkeit des Wortes, entgegengetreten
wäre. Von den größeren Reichsstädten aber hielten sich
manche, die im Mittelalter energisch und siegreich den geist—
lichen Fürsten in ihren Mauern bekämpft hatten, jetzt nur mit
Mühe noch gegen dessen gesteigerte Macht, so z. B. Worms;
anderen wieder drohte tödliche Umklammerung durch die benach—
harten Territorien: das war die Lage z. B. für Nürnberg,
Augsburg, Ulm, Regensburg — kurz die größten Reichsstädte
des Südens. Aber selbst im Norden wurde die Reichs—
unmittelbarkeit Bremens im 17. Jahrhundert eigentlich nur
durch das eifersüchtige Eingreifen des Großen Kurfürsten gegen—
über Einverleibungsversuchen der fürstlichen Nachbarschaft ge—
wahrt; und Hamburg verdankte seine Selbständigkeit mindestens