Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 5
Monarchie bot, indem er das staatliche Bewußtsein des einzelnen
einschläferte, in seiner Entwicklung unterbrach, ja schließlich
aufzuheben geeignet schien.
Das Individuum stand also in dieser Zeit für sich da
als ein gleichsam mit Grenzsperren gegen andere Individuen
versehener, aus sich selbst nur lebender Mikrokosmos: fenster⸗
los, wie es Leibniz bezeichnet hat. Zum Ausdrucke kam das in
der Tatsache, daß das Seelenleben nicht als eine Reihenfolge
von aktuellen Vorgängen und die Seele selbst als Trägerin
einer solchen Aktualität, gegenwärtiger wie festgehaltener ver—
gangener und geahnter zukünftiger, begriffen wurde, sondern
als ein in sich abgezirkelter Vorgang auf der Grundlage der
Vorstellung von einem ständigen innerlichen Sichgleichbleiben
der seelischen Auswirkung.
Dementsprechend erschienen dann, bei der Isoliertheit des
seelischen Lebens der Individuen, die Willenskräfte der Seele,
wie sie ja wesentlich nur auf einen äußeren Anstoß und nach
außen hin wirksam werden, als untergeordnet, als grund⸗
sätzlich gleichsam geleugnet, als jedenfalls minder wichtiger
Teil der menschlichen Individualität. Und noch geringer
wurde das Gebiet der Afsekte, das Gemütsleben und die eng
mit ihm verknüpfte Tätigkeit der Phantasie, weil ebenfalls
von außen bedingt und nach außen trachtend, eingeschätzt. In
den Vordergrund traten dagegen die Verstandeskräfte, und
auf ihrer Grundlage gipfelten die seelischen Anlagen dem Zeit—
alter in einer Vernunft, die als konstant und als dem Menschen—
geschlechte von Gott in besonderer Gnade verliehenes Erbteil
angesehen wurde, als eine Gabe, die es von der Tierwelt grund⸗
sätzlich scheide; und Wille wie Trieb und Gemüt wie Phantasie
galten als nichts denn als von der Vernunft zu beherrschende
und ständig zu leitende, ihr also untergeordnete praktische Aus⸗
wirkungen der Seele.
Da war es denn freilich selbstverständlich, daß die Kultur
des 16. bis 18. Jahrhunderts je länger je mehr eine extreme
Kultur des Verstandes wurde; in der Tat hat sich darum in
ihr nichts gewaltiger entwickelt als die Wissenschaft, während