Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Einleitung. 
praktisch-sittliches Handeln, religiöses Gefühl und künstlerische 
Phantasietätigkeit zurücktraten und schließlich teilweise fast ver— 
dorrten. Und so erklärt es sich weiter, daß in der allgemeinen 
Weltanschauung des Zeitalters allmählich zwei Pole als all— 
beherrschend und von jedermann angenommen hervortraten: 
die individuelle und die allgemeine Vernunft: Gott und Per— 
sönlichkeit. Dabei hieß Persönlichkeit im Verstande der Zeit eine 
Seele, die in sich frei, von niemand behindert, dahinlebt, und 
deren Kern ein in sich weiterhin nicht mehr begreifliches, festes, 
unabänderliches X, ein Teil der allgemeinen Vernunft ist. Und 
demgemäß erschien als allgemeinster Ausdruck der Ideale der 
Zeit allmählich die Formel: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit. 
Dies ganze Zeitalter aber, das in seinen engeren Grenzen 
etwa von 1500 bis 1750 gewährt hat, zerfiel wiederum in 
zwei Perioden, die etwa durch den dreißigiährigen Krieg ge— 
schieden wurden. 
In der ersten dieser Perioden war die neue individua— 
listische Psyche noch in Entwicklung begriffen. Die Zeitgenossen 
waren sich über den Begriff der Individualität noch nicht voll⸗ 
kommen klar; sie lebten sich erst unbewußt in die neue Art 
der Persönlichkeit ein, taten teilweise enthusiastisch die hier⸗ 
zu nötigen Schritte, strebten unabgeklärt nach demjenigen 
Grade der persönlichen Ausübung, den dann die spätere 
Periode aufweist. Sie wurden darin zumeist gefördert, bis— 
weilen auch gehemmt durch den Einfluß der Renaissance, die 
ihnen Bestandteile einer Kultur zuführte, welche dem von 
ihnen ersehnten Kulturideale entsprach. Indem sich aber eigenes 
Streben und fremder Einfluß in dieser Periode so miteinander 
verbanden, erhielt die Kultur schon dieser Zeit ein etwas 
buntscheckiges Aussehen, zumal noch starke Reste des Mittel⸗ 
alters fortlebten; und es fällt der Geschichtschreibung bis— 
weilen nicht leicht, in dem Chaos sich kreuzender Strömungen 
die wesentlichen Richtungen aufzufinden und lückenlos zu ver— 
folgen. 
Die zweite Periode, in den weitesten Grenzen die Zeit 
bon 1600 bis 1750, ja in gewissen charakteristischen Ausläufern
	        
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