Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 161
gründen; sie sollte monopolistisch erzeugen und im großen ver—
kaufen: Stepp⸗- und Nähseide, Bänder, Zeuge, Seidenwaren
mit Wolle oder Leinwand gemischt, Sammet, Taffet,
Strümpfe u. a. m. Diese Kompagnie wurde im Jahre 1669
genehmigt. Aber sie kam wegen Mangels an Verlegern, und
das heißt wegen zu geringen Kapitalreichtums des Landes,
niemals zur Blüte. Darauf und daneben wurden dann aller—⸗
dings noch neue Pläne gefaßt, den Handel zu heben; u. a.
trat der Gedanke einer holländisch-österreichischen Weinhandels—
gesellschaft auf. Aber auch sie gelangen nicht; das Kapital
fehlte. Und so schlief denn das Kommerzkolleg schließlich ein,
Becker wurde mit Undank gelohnt: der ganze Versuch war
mißlungen.
Nicht viel besser erging es aber auch bei einem zweiten
Versuche Beckers Schwiegersohn Hörnigk, der im Jahre 1687
das Buch „Osterreich über alles, wenn es nur will“ heraus—
gab; er verwies auf England, Sachsen, Brandenburg als Vor—⸗
bilder, erstrebte ein Verbot aller fremden Industriewaren, vor
allem der Erzeugnisse der Wollen-, Leinen⸗ und Seiden⸗
manufakturen, wie der sogenannten französischen Waren: „diese
vier Manufakturen seyend die vielfräßige Raub-Thiere, so allein
uns jährlich auf 16 und mehr Millionen Gulden aus dem
Beutel hinwegführen.“ Nur bei einem strikten Verbot der
Einfuhr mindestens aus diesen Industrien, so behauptete er,
würden sich entsprechende heimische Industrien begründen lassen,
da für diese sich sonst kein Kapital finden werde.
Aber auch Hörnigks Anstrengungen waren vergebens. Es
entstanden nur einige traurige Anfänge österreichischer Groß—
industrie: die Spiegelfabrik zu Neuhaus 1701, eine Olmühle
in Wien 1709; im ganzen blieb alles beim alten.
Woran lag nun eigentlich die Schuld an dem Mißlingen
dieser ersten Einführungen größerer Manufakturen in Oster⸗
reich während mehr als zweier Menschenalter? Das System
der inneren Begünstigungen schien im ganzen richtig zu sein;
man hatte bei der Begründung von Manufakturen den Wett—
bewerb mit der schon vorhandenen Erzeugung der einheimischen
Lamprecht, Deutsche Geschichte VIII.1 4