Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 181 
Entwicklung zur Last, sondern der allgemeinen Erscheinung 
der Verlegung der Welthandelsstraßen an die westliche, at— 
lantische Seite des Erdteils, wie sie Folge des Zeitalters 
der Entdeckungen war. In diesem Zusammenhange haben, 
während die Staaten der iberischen Halbinsel nur vorüber— 
gehend befruchtet wurden, die Niederlande, England und 
Frankreich, indem sie sich ohne Stockung, und zwar teilweise 
iberaus rasch, fortentwickelten, im 17. und 18. Jahrhundert 
die deutsche Volkswirtschaft überholt: und der Vorsprung, 
den der Westen Europas damit erhielt, ist auf gewissen Ge— 
hieten der Wirtschaft, namentlich aber der äußeren Lebens-— 
haltung und auch des Geisteslebens, selbst heute noch nicht 
oöllig eingeholt. 
So weit aber die innere deutsche Entwicklung in Frage 
kam, blieben aus dem Verfalle des 16. und der ersten Hälfte des 
17. Jahrhunderts heraus bis tief hinein ins 18. Jahrhundert 
gewisse Ursachen noch weiter wirksam, um eine rasche Erholung 
auch dann noch zu verhindern. Der Aufschwung, der jetzt zu 
erwarten war, konnte, wie schon die Fortschritte der Nieder— 
lande, Englands und Frankreichs einmütig bekundeten, nur 
durch Entfaltung eines immer stärkeren Wirtschaftslebens der 
Unternehmung erfolgen: also durch Belebung der Manufaktur 
his zur Umgestaltung in eine volle Fabrikindustrie und durch 
freiheitliche Fortentwicklung des Handwerks. Es waren, wie 
wir wissen, die Wege, die man neben der Erweiterung des 
HZandels auch tatsächlich in Deutschland eingeschlagen hat. Um 
sie sicher zu wandeln, bedurfte es aber zweier Dinge: stärkerer 
Kapitalien zur Entwicklung der industriellen Produktionsmittel 
und stärkerer Bevölkerung zur Rekrutierung des nötigen 
Menschenmaterials für größere industrielle Betriebe. Waren 
nun diese beiden Voraussetzungen ohne weiteres gegeben? 
Wir wissen, wie die großen Vermögen des 16. Jahrhunderts 
sich vornehmlich in Kriegsausleihen an fremde Mächte er⸗ 
schöpft hatten; später haben dann die Verwüstungen des 
Dreißigjährigen Krieges noch letzte Reste zerstört, während die 
Kosten der Entwicklung stehender Heere nach ihm eine neue
	        
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