Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 185
und diese mußten noch längere Zeit hindurch fast durchweg aus
England bezogen werden. Das erste Aufblühen einer deutschen
Maschinen⸗ und Motorenindustrie gehört erst den zwanziger
uind dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts an.
Was aber bedeutete nun dieses Eingreifen der Technik volks⸗
wirtschaftlich? Es hieß dichte Konzentration der Manufaktur⸗
arbeit um Motoren, welche zum großen Teile die Kraft, und
um Maschinen, welche zu nicht geringem Teile die Geschicklich⸗
keit des Menschen ersetzten: es hieß Übergang zur Fabrik.
Das, was daher die erste Periode der deutschen Unternehmungs⸗
wirtschaft am augenscheinlichsten von der zweiten unterscheidet,
deren erstes Erblühen in die zwanziger bis fünfziger Jahre des
19. Jahrhunderts zu setzen ist, das ist das grundsätzliche Fehlen
der Fabrik. Und sie fehlte, weil die Nation nicht vermögend
zenug war, die moderne Technik zu entwickeln. Natürlich aber
ist das nicht das einzige Unterscheidungsmittel der ersten und
zweiten Periode; wir werden deren später noch weit mehr
und tiefer begründete kennen lernen. Im allgemeinen aber
läßt sich sagen, daß die Erscheinungen der späteren Zeit in
der ersten Periode fast alle schon, doch stets in primitiven,
weniger entwickelten Formen auftreten. So das quantitative
Prinzip der Erzeugung, dem staatliche Reglementierung noch
qualitative Zügel anlegt; so der Grundsatz der freien Kon—
kurrenz, der durch den Fortbestand mittelalterlicher Anschauungen
und Einrichtungen noch vielfach gebunden erscheint; so der
assoziative Trieb, dem der herrschende Individualismus der
Qullur des 16. bis 18. Jahrhunderts noch wenig Entfaltungs⸗
freiheit gestattet. Am charakteristischsten ist dabei auf den ersten
Augenblick vielleicht die geringe Entwicklung des Kredits. Da er⸗
zählt uns noch Büsch, der Gründer der Hamburger Handlungs—
kademie vom Jahre 1767, es sei noch nicht so lange her, daß
ein Kaufmann es als seinem Kredite schädlich ansah, wenn er
einen Wechsel diskontieren ließ. Jetzt habe sich freilich, mit
zunehmender Lebhaftigkeit des Handels, die Sitte eingebürgert,
daß auch der solide Kaufmann es jür jeden Tag als Verlust
ansehe, wenn sein Geld müßig stehe. Doch läßt es auch jetzt