1868
Zweiundzwanzigstes Buch.
noch der Kaufmann „nicht gern zu jedermanns Wissenschaft
kommen, daß er seine Wechsel zum Diskont weggegeben habe“.
Selbstverständlich ist es, daß der Entwicklung einer
ersten Periode der Unternehmungswirtschaft auch eine Um—
und Neubildung der bürgerlichen sozialen Schichtung entsprach,
wenn sie auch, bei der geringeren absoluten Höhe der neuen
Wirtschaftsentwicklung, nicht so radikal erfolgte und alsbald in
so auffälliger Neuheit hervortrat, wie früher die Um- und
Neubildungen etwa des 14. und 15. Jahrhunderts. Denn wie
festgelegt in seiner sozialen Schichtung auch das Bürgertum
sein mochte durch die Verfallszeiten des 16. und 17. Jahr⸗
hunderts: immer hatte es doch die für seine Bildung überhaupt
fundamentale Eigenschaft beibehalten, auf dem Scheidungs—⸗
begriffe des Berufes zu beruhen und darum nach Berufen in
Klassen zu zerfallen.
Von solchen Klassen entstand nun zunächst eine neue durch
die Entwicklung jenes neuen Handels an der Peripherie des
deutschen Wesens wie in gewissen Städten Mitteldeutschlands,
bon der wir schon gehört haben. Dabei war es natürlich, daß
diese Klasse aristokratischen Charakter annahm und sich daher
mit den Resten patrizischer Standesbildungen vermischte, die
aus dem Mittelalter oder aus dem 16. Jahrhundert noch in
die Gegenwart hineinragten: so erscheinen z. B. in den Leip—
ziger Kleiderordnungen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
als „vornehmste“ die Ratsgeschlechter und die wichtigsten Kauf—
—R
Wechsel schließen“, unter ihnen stehen als zweite Schicht die
anderen Handelsleute, Kramer und vornehmen Bürger, als
dritte die gemeinen Kramer und anderen Bürger, als vierte
die Handwerksleute und endlich als funfte die Trödel-, Klöppel—
und andere Mägde und Dienstboten.
Indem sich nun aber eine solche neue Schicht aristokra—
tischen Bürgertums wenigstens in einer Anzahl deutscher
Städte heraushob, erwies sie sich doch als noch nicht stark
genug, ihre Lebensideale in einer besonderen Kultur der
iußeren Lebenshaltung auszugestalten. War das doch, gegen—