Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. J 189 
zarte Muskeln, die den Gesichtsausdruck nur mühsam regieren; 
etwas Altjungferliches liegt über der ganzen Figur, das durch 
immer häufiger werdende Beleibtheit nicht eben gehoben wird. 
Die ausgesprochenen Vertreter des neuen Standes aber 
zeigen den gleichen läßlich-höfischen Charakter auch in ihren 
Kunstneigungen; statt hoher Kunst begünstigt man das Kunst⸗ 
gewerbe; das Bildnis, das fast allein mit Entschiedenheit ge⸗ 
pflegt wird, wird repräsentativ: halbe oder ganze Figur vor 
seidenem Vorhang und neben antikem Säulenstumpf mit 
imperatorischer Geste, die Kinder ganz nach der Art der Alten, 
Mädchen in zartem Alter ausgeschnitten und in Stöckelschuhen, 
die den Gang knebeln. Im übrigen wird mehr auf Kunst- 
pflege des Körpers als Pflege freier Kunst gegeben; und neben 
dem Maler und Bildhauer spielen Tanzlehrer und Perücken— 
macher eine beträchtliche Rolle. In Leipzig speziell, dem „Klein⸗ 
Paris“ und vielleicht ausgesprochensten Mittelpunkte dieser neuen 
bürgerlichen Kultur, trug der unter Monsieur Beauchamps in 
Paris gebildete Tanzmeister Pasch vieles zu „Civilität und 
galanter Conduite“ bei; in einem seinerzeit beruhmten Werke 
hat er seine Kunst nach den „Grundsätzen der Philosophie und 
Mathematik“ entwickelt. 
Beobachtet man tiefer, so sieht man freilich, wie diese 
nachgeahmte Gesellschaftskultur das neue bürgerliche Leben, 
das unter ihm sproßte, mit einem wunderlichen Konventiona⸗ 
lismus überdeckte und dadurch im Grunde an seiner vollsten 
Entfaltung hinderte. Nichts ist in dieser Hinsicht mehr sympto⸗ 
matisch als das Bildnis: immer wieder dasselbe anerzogene, 
wohlanständig⸗stereotype Lächeln der Höflichkeit, und erst hinter 
ihm, nur halb zum Vors chein kommend, der Mensch. Und nichts 
ist weiterhin grundsätzlich vielleicht bezeichnender als etwas, was 
man die Maskerade der feinen Unsittlichen dieser Zeit nennen 
könnte: affektierte Sittsamkeit; geckenhafte Tugend; Verwechslung 
von Sitte und Sittlichkeit zugunsten der Sitte; Pedantismus, 
dessen man sich mit Affektation schämt; sexuelle Freiheit unter 
strengster Wahrung eines ehrbaren Außern. 
Natürlich war ein solches Zwitterwesen sozialer Bildung
	        
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