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Zweiundzwanzigstes Buch.
der Nation. Und auch gesellschaftlich machte es sich bereits
stark bemerklich. Mit Mitte des 18. Jahrhunderts wird die
Tracht einfacher; Ende des Jahrhunderts wird die Seide der
Männerkleidung durch Tuch abgelöst; der Rock, der anfangs
noch farbig, hellgrün und hellblau, geblieben war und sich noch
mit bunten seidenen Westen vertragen hatte, wird immer
dunkler: dunkelblau, dunkelgrün, dunkelbraun: bis er, völlig
freilich erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts und somit im
Anfange der zweiten Periode des Subjektivismus, in nichts
als Schattierungen von grau und schwarz übergeht und bei vor⸗
geschrittenem Alter nicht einmal mehr den Schmuck einer bunt—⸗
farbigen Halsbinde zuläßt. Es ist ein Verlauf, der sich, wenn
gleich minder scharf, auch in der Geschichte der Frauentracht
verfolgen läßt; und schon in den achtziger Jahren des 18. Jahr⸗
hunderts war auch hier der Umschwung deutlich und die Vor—
liebe für die Modeideale des Mittelstandes entschieden. „Ent—
weder einen nachlässigen Flor über das Haar gebreitet oder
unter einem leichten Hütchen die wallenden Locken und das
gewundene Haar versteckt, wer sähe das nicht lieber statt eines
Drahtgerüstes oder der Nachahmung von unermeßlichen Felsen
oder des Prahlens mit geborgtem Haar oder der Verbreitung
des verworrenen, gesalbten und gefärbten Haares über die
Stirne bis an die Augenbrauen? Gegenwärtig umwindet man
das Haar oder den Hut mit Moos, aus dem Blümchen hervor⸗
sprossen“. Dabei sah man hier und da selbst schon ein „vor⸗
nehmes Frauenzimmer“, das keinen Reifrock und Schuhe ohne
Absätze und so geräumig trug, daß der Fuß ohne Zwang darin
Platz hatte.
Es waren Symbole von tiefer greifenden Anderungen.
Gleichzeitig verschwanden die üppig prunkenden Rokokorahmen
der Porträts mit ihren reichen Schnitzformen, ihrer Ornamentik
und ihrer Vergoldung, und aus dem Bilde schauten nicht mehr
Männer in pomphafter Berufsstellung oder Schäfertracht oder
Frauen in dem mythologischen Kostüm einer Diana, Aurora
oder vielleicht gar Venus heraus, sondern sahen ernste Gestalten
meist nur im Brustbild herab; der Kopf trat in den Vordergrund,