Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 
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und die Intimität des geistigen Daseins und des Charakters 
wurde zum ersten Gegenstande malerischen Ausdrucks, wenn deren 
volle Wiedergabe auch erst mit dem Realismus der dreißiger und 
vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts erreicht wurde. 
Mit dem Emporkommen dieses Mittelstandes zeigen sich 
nun aber zugleich auch die frühesten Eigenschaften eines neuen 
Seelenlebens: Eigenschaften vor allem, wie die Zeit selbst es 
zusammengefaßt haben würde, des Herzens. Die Sitten er— 
halten den Grundzug des Einfachen unter einer deutlichen 
Abneigung gegen jedes Zeremoniell, der Sinn für das Natür— 
liche überhaupt tritt hervor und äußert sich auch schon in leisen 
Wünschen einer spezifisch nationalen Bildung, zum Beispiel in 
einem gewissen Eifer für die Reinheit der Sprache; das sitt⸗ 
liche Gefühl erhält eine merkbare Verstärkung und einen Zug 
zum Idealen, und dem Gefühlsleben wird stark und in vielen 
Kreisen bald unbedingt gehuldigt. 
Wie aber waren nun diese sozialen Regungen eines neuen 
Mittelstandes mit dem Berufs- und Wirtschaftsleben verknüpft? 
Vor allem waren die Städte der Standort der neuen Be— 
wegung. Und hier läßt sich wiederum von den größeren 
Städten sagen, daß für die neue Bildung der Unterschied 
zwischen Regierenden und Regierten, wie er auch im bloßen 
Bereiche der bürgerlichen Klassen des 18. Jahrhunderts stark 
hervortrat, vielleicht am ehesten eine zunächst freilich noch un— 
bestimmte Abgrenzung erlaubt: die neue Gesellschaft bestand 
im allgemeinen aus den höheren Schichten der Regierten. 
Damit trafen sich in ihr der kleinere Rentner, der bessere Hand— 
werker und vor allem der mittlere Kaufmann und endlich der 
mittlere Beamte, wie auch der Gelehrte mittleren Standes: 
in dieser Richtung hat Abbt einmal die große, die gelehrte 
und die geschäftliche Welt unterschieden. Charakteristisch ist 
dabei das verhältnismäßig starke Hervortreten der Beamten 
und Gelehrten. Man muß sich da erinnern, daß alle Zeiten 
eines Absolutismus auch in den Städten von Beamtenschaft 
zu strotzen pflegen; innerhalb der deutschen Entwicklung speziell 
des 16. bis 18. Jahrhunderts machte zum Beispiel in Heidel— 
Lamprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 1J. 2
	        
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