Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
fernterer Absatzgelegenheiten, auf die Überbrückung immer 
größerer Erdenräume hinaus und vermittelte von diesen her 
immer stärker vermehrte Summen frischer Reize, die dann zu 
neuen Vorstellungskreisen, und bei der Entwicklung dieser zur 
Auslösung bisher unbekannter Arten seelischer Affekte führen 
mußten. Es ist ein Vorgang, der schon bei stärkerer Raum— 
bezwingung auf europäischem Boden eintrat, sobald sich, im 
Verlaufe der Handelsgeschichte des 17. Jahrhunderts, die bis— 
her mehr getrennten Handelsgebiete des deutschen Südens 
und Nordens zu vermischen und über sie hinweg starke Wege 
eines mitteldeutschen Handels zu bilden begannen. Denn 
schon damit entstand ein lebhafterer Reiseverkehr; eine Reise⸗ 
literatur kam auf, und die Welt gesehen zu haben gehörte 
von nun ab zu den ersten Anforderungen, die auch an den 
bürgerlichen Kavalier gestellt wurden. Welcher Fortschritt aber 
von diesem immerhin noch begrenzten Horizonte bis zu den 
Möglichkeiten, welche schon die zweite Hälfte des 18. Jahr⸗ 
hunderts erfüllt sah! Das war die Zeit, in der über die 
Reisebeschreibungen früherer Menschenalter hinweg die wissen⸗ 
schaftliche Geographie und in ihr Bücher wie Büschings Neue 
Erdbeschreibung entstanden, in der an die Stelle der abenteuer— 
lichen und kuriosen Auslandsreisen der Vorzeit die Reise zu 
wissenschaftlichen Zwecken trat und der gelehrte Reisebericht 
eines Pallas, Georg Forster und Carsten Niebuhr. 
Wie der Raum, so wurde von dem langsam erwachenden 
neuen Wirtschaftsleben aber gleichsam auch die Zeit überbrückt. 
Gewiß erscheinen uns die Menschen des 18. Jahrhunderts noch 
in einem überaus behaglichen Tempo des Lebens: sie arbeiten 
läßlich, sie bedürfen noch erst selten der Erholung von Über— 
arbeitung in häufigen und längeren Ferien: gleichmäßiger 
fließt noch der Strom des Lebens dahin. Dennoch: in welchem 
Fortschritte der Zeitabkürzung befand man sich bereits gegen— 
über dem 17. Jahrhundert mit seinen vielfach nur acht- und 
vierzehntägigen Postverbindungen, seinen schlechten Straßen, 
seinem Mangel an fast jeder genügenden Personenbeförderung! 
Schon wurde Zeit langsam zu Geld; und langlebige und zu—
	        
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