Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 11
Grunde eine Aufhebung des individualistischen Selbstbewußt⸗
eins des 16. bis 18. Jahrhunderts unbedingt zur Folge haben
sußten, das ahnten im 18. Jahrhundert doch nur wenige.
Inzwischen aber hatte der Individualismus des Zeitalters
auch jene Wissenschaften ergriffen, die man sich im 19. Jahr⸗
hundert gewöhnt hat als Geisteswissenschaften zusammen—⸗
zufassen. Diese Wissenschaften werden der tiefsten Wurzel ihrer
Eutwicklung nach immer stark von den jeweiligen psychologischen
Anschauungen bestimmt; den Charakter des jeweils herrschenden
psychologischen Wissens und Meinens gilt es also vor allem
festzustellen, will man ihre Entfaltung verstehen. Da stößt
man nun im 16. Jahrhundert noch auf eine ganz mystische
Anschauung vom Wesen der im übrigen individuell gefaßten
Seele; ihre Kräfte gelten als indefinit, unter Umständen über
menschliches Vermögen hinausragend und dann verknuüpft mit
Gott und Teufel; die weiße und schwarze Magie spielen
noch eine Rolle; doch wird für das Wirken der seelischen
Kräfte schon das Individuum verantwortlich gemacht. In der
zweiten Periode dagegen erscheint die mystische Auffassung des
individualen Seelenlebens ganz einer rationalen gewichen; die
Seele ist jetzt im tiefsten Kerne zur Vernunft geworden; denn
die Vernunft regiert ihre anderweitigen Außerungen als Be⸗
tätigungen ihr untergeordneter Kräfte. Uber der individualen
Vernunft aber wird, wie wir schon wissen, eine allgemeine Ver⸗
nunft angenommen, ein Absolutes, das die individuale Vernunft
in ihren Einzelerscheinungen, den jeweils lebenden Personen,
eitet und die Welt zu ihrem Besten regiert.
Diese psychologische Anschauung wurde nun sowohl in
der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Vergangenheit wie
in den wissenschaftlichen Wertungs⸗ und Regelungsversuchen
der Gegenwart lebendig; Geschichte also und Rechtswissenschaft
wie Ethik und Nationalökonomie standen auf ihrem Boden.
In der Geschichte überwog dabei allerdings noch das
antiquarische Element; man versank rettungslos im Stoffe,
die Philologie lebte im ersten Zeitraum wesentlich noch der
durch die Renaissance praktisch gestellten Aufgabe einer ge—