Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 215
gnügen ergaben sich für den minder wählerischen Geschmack
der tieferen bürgerlichen Schichten in den Kuchens und Milch—
gärten, in den Tanzstunden und von Tanzmeistern veranstalteten
Abendvergnügungen, des Weiteren in Gartenkonzert und
Theater. Darüber hinaus wurden die neu angelegten Prome—
naden Sammelplatz der feineren Welt, und schon spielten hier
die Frauen eine noch erheblichere Rolle, wie in den Ver—
gnügungen des tieferen Mittelstandes. Vor allem aber wurde
die vornehme Welt durch Musik und Theater gelockt: und sie
an erster Stelle haben sie, wie einst die Kirche alles Volk, ver—
geselligt. Zwar Musik vermochte man auch daheim zu machen
und zu genießen; schon war der Gebrauch des Klaviers all—
gemein bis hinunter in tiefe Schichten; und in Leipzig konnte
man gegen Ende des 18. Jahrhunderts Klavierstunden haben
zu sechs Groschen und auch zu sechs Pfennigen. Allein den
vollen, gleichsam auch sozialen Genuß der Musik gewährte doch
erst das Concerto grosso des Musiksaales, und eben in ihm
traf sich aus mittleren und oberen Ständen des Bürgertums,
was auf Bildung Wert legte. Daneben stand als eine der
sozial versöhnenden und einigenden Mächte des bürgerlichen
Lebens das Theater. Denn hier trafen sich neben Studenten
und Gelehrten alle Kreise der städtischen Einwohnerschaft: in
manchen Irrungen lernten sie sich kennen und schließlich schätzen:
und erst der Verlauf dieses Zusammenlebens über mehrere
Menschenalter hin ermöglichte Schillers Anschauungen vom
Berufe der Bühne.
Wie sehr so eine Einheit des seelischen Daseins erreicht
wurde, das zeigt vielleicht nichts besser, als die Einordnung
der bildenden Künste. Ein klassisches Beispiel, wie man diese
verstand, bieten u. a. die Bestrebungen des 18. Jahrhunderts
in Frankfurt a. M. Nach einem früheren Versuche, dem Vor⸗
bilde anderer Städte folgend eine Malerschule einzurichten, be⸗
ginnen angesehene Bürger damit im Jahre 1781 von neuem:
eine Akademie der freien, schönen, bildenden Künste und Wissen⸗
schaften soll erstehen; ihre Aufgabe soll sein, wahre Bildung
zu verbreiten und diese zur Grundlage praktischer Tätigkeit zu