Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 219
hier allerdings waren im Laufe des 18. Jahrhunderts starke
Fortschritte zu verzeichnen, und die Beliebtheit von allerlei
Geheimgesellschaften und sozialen Maskeraden bis hinein ins
19. Jahrhundert geht nicht zum geringsten auf diese sozial
ausgleichende Wirksamkeit zurück.
Im ganzen aber war klar, daß das alte System der
Standesscheidung noch nicht durchbrochen war und am wenigsten
sein wenn auch noch nicht tiefster Unterbau, die soziale und
wirtschaftliche Trennung von Stadt und Land, schon mehr
als ausnahmsweise Durchbrechung erfahren hatte: in Meißen
wollte die adlige Jugend vom platten Lande nicht ein—
mal gemeinsam mit der bürgerlichen die Fürstenschule be—
suchen!
Damit war denn das Bauerntum von vornherein noch
auf lange von der Anteilnahme an der höheren sozialen Be—
wegung und dem Fortschritte der Bildung ausgeschlossen: hatte
es doch die Fühlung mit der höheren geistigen Entwicklung
der Nation schon seit spätestens dem 14., wenn man will seit
dem 12. Jahrhundert eingebüßt und seinem dumpfen, halb
unbewußten Ingrimm über diesen schwersten aller Verluste
schließlich nur in einem ohnmächtigen Hasse gegen Stadt und
Bürger, gegen Gelehrsamkeit und Wissenschaft Luft gemacht.
Jetzt aber war die Trennung so weit gediehen, daß das
Bauerntum dem Städter selbst als etwas Fremdes nicht mehr
interessant war. Wo finden sich im 18. Jahrhundert noch
Gegenstücke zu der Bauernmalerei der niederländischen Schulen
des 17. Jahrhunderts? Die neue Bildung hat sich auch
literarisch um den Bauer so gut wie nicht gekümmert; und
selbst den Kleinstädter dichterisch zu behandeln, galt im Grunde
als unzulässig. Gewisse Kreise tadelten an Goethes Hermann
und Dorothea noch gegen Schluß des Zahrhunderts, daß es
sich in dem Gedichte um die Schicksale eines Gastwirtes und
Apothekers und der Ihrigen handle: da standen doch Vossens
Luise und der redliche Thamm immer noch höher! Ernster
gepackt hat die bäuerlichen Klassen allerdings schon der Maler
Müller, wie überhaupt der Sturm und Drang noch am ehesten