Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
zu ihnen in Beziehung trat. Aber doch erst Jeremias Gott⸗ 
helf, der Pfarrherr und Seelsorger, hat wieder von und für 
Bauern geschrieben: und auch ihm folgte noch die unwahre 
Süußlichkeit der Bauerndichtung Auerbachs, ehe die moderne 
Literatur der wichtigsten sozialen Schicht des platten Landes 
gerecht wurde. 
Im Gegensatze zu den bäuerlichen Klassen, so hätte man 
denken können, hätten die Klassen der Kopfarbeiter, Gelehrte 
und Beamte, dem neuen Wirtschaftsleben und vor allem der 
neuen Bildung mehr gerecht werden müssen. Indes auch hier 
waren die Widerstände beträchtlich. Veranlassung war an erster 
Stelle, daß diese Klassen, besonders die Beamtenschaft, noch 
lange nach den Anforderungen der fürstlichen Kultur des 
17. Jahrhunderts orientiert blieben. Und so verharrten sie 
in Bombast und Titelwesen, in Servilismus und Schwulst; 
so entwöhnten sie sich nur schwer des Gedankens der Pro— 
tektion und gewannen damit jene Freiheit und Wahrhaftigkeit, 
welche die erste Voraussetzung der Teilnahme an dem neuen 
Geistesleben bildete. 
Am frühesten und schließlich so gut wie vollständig fanden 
sich noch die Gelehrten in die Wandlung. Von vornherein 
den Anfängen der neuen Bildung, die wesentlich noch rein 
wissenschaftlich waren, verbunden, wurden sie durch deren 
Verlauf in Weltanschauung und wissenschaftlicher Problem— 
stellung mit fortgerissen: nahmen mit der Entwicklung der 
neuen Dichtung die Forschungen über Ästhetik, mit der Ent— 
faltung der Sehnsucht nach höheren Lebensidealen die ethischen 
Probleme, mit dem Werdegang einer neuen Persönlichkeit die 
psychologischen Untersuchungen, kurz mit dem emporblühenden 
Subjektivismus die ganze Breite subjektivistischer Wissenschaft 
in Angriff, warfen sich damit schon in der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts zu den intellektualistischen Fuhrern der neuen 
Bewegung auf und entwickelten um die Jahrhundertwende 
bereits wissenschaftliche Systeme von Weltanschauungen, die 
ihrem innersten Drange entsprangen und genügten. So standen 
sie mit am Webstuhle der Zeit, und Zettel und Einschlag, wie
	        
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