Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Bürger seien zwei verschiedene Rassen, und der Rassenunterschied 
werde auch im Jenseits fortdauern. 
Im übrigen ist nicht zu verkennen, daß die Haltung des 
Adels auch vielfach durch die Haltung der fürstlichen Höfe 
heeinflußt wurde: denn der Adel bedarf, um zu leben, des 
Abhebens und der Anerkennung seiner Bedeutung von unten 
wie oben. Zwar dachten keineswegs alle Adligen wie jener 
HZofmarschall in Kabale und Liebe: „Ich — mon Dieu! was 
bin denn ich, wenn mich Seine Durchlaucht entlassen?“ Aber 
von irgendwelchem Fürsten abhängig war doch fast jedes be— 
kanntere Geschlecht — und wohl wieder nur der holsteinische 
Adel machte hier zum Teil eine Ausnahme. 
Haben nun aber etwa die Fürsten die neue Kultur in 
geistiger Selbständigkeit gefördert? Im ganzen genommen war 
davon keine Rede. Es gab in dem Deutschland des 18. Jahr⸗ 
hunderts dritthalbhundert fürstliche Hofhaltungen: wie hätten 
sie da zunächst besonders starke geistige Machtmittel, den weisen 
Sinn etwa und das selbständige Mäcenat auch nur der Valois 
oder Tudors entfalten sollen! Selbst in der Hofburg zu 
Wien war die Grandezza ärmlich und plump genug im 
Vergleich zur spanischen. Und wie hätte das freudige, tanz— 
lustige und in naivem Phäakentum ausgelassene Wien Mittel- 
punkt ernsteren, speziell geistigen Strebens werden können? 
Man sehe nur die langen Reihen von Bildern der Hof- und 
Bürgerfeste des 17. und 18. Jahrhunderts im Historischen 
Museum der Stadt durch, und man wird überzeugt sein: in 
dieser Umgebung konnte günstigenfalls nur die Musik gedeihen. 
Schlimmer war es, daß auch Preußen, daß Friedrich II. ver⸗ 
sagte. Konnte der König noch im Jahre 1757 in einem fran⸗ 
zösischen Gedichte Gottsched die Aufgabe zuweisen, den litera— 
rischen Ruhm Deutschlands zu begründen, so bedurfte es wirk⸗ 
lich nicht noch der Schrift De la litterature allemande vom 
Jahre 1780, um den Beweis zu erbringen, daß Friedrich in 
seinem eigenen Lande schließlich geistigem Anachronismus ver— 
fallen war. Und welch andere Stellung hätte dieser König 
in der deutschen Entwicklung einnehmen können! Im Jahre
	        
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