Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.
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1764 sang Klopftock mit deutlicher Bezugnahme auf ihn, wenn
auch nicht eben sehr poetisch, von Kaiser Heinrich VI., dem
Staufer:
Wenn jetzt du lebtest, Edelster deines Volks
Und Kaiser, würdest du, bei der Deutschen Streit
Mit Hämus' Dichtern und mit jenen
Am Kapitol, unerwecklich schlummern? —
Du sängest selber, Heinrich!
Und es änderte die Lage nicht, daß der König persönlich
den Mangel einsah. Im Jahre 1756 hat er zu Gottsched ge—
sagt: „Ich habe von Jugend auf kein deutsches Buch gelesen,
und ich rede es sehr schlecht (jo parle comme un cocher): jetzo
aber bin ich ein alter Kerl von 46 Jahren und habe keine
Zeit mehr dazu.“ Berlin war zur Zeit des großen Königs
ein Standort vor allem französischer, erst in zweiter Stelle
deutscher Dichtung und Wissenschaft.
Nun blieb bei dem Versagen der großen freilich den kleinen
Fürsten um so bessere Gelegenheit, sich im nationalen Geistes—
leben mit Erfolg zu betätigen. Und wer wollte so vielen
mittleren und kleinen Residenzen dieser Zeit den Ruhm be—
streiten, mehr oder minder Musenhöfe gewesen zu sein: dem
Hofe von Weimar vor allem, aber auch den Höfen von Dessau,
Gotha, Meiningen, Darmstadt, ferner Braunschweig und
Eutin, Karlsruhe und Bückeburg? Allein trotzdem wird man
nicht behaupten können, daß diese Höfe der neuen Bildung
materiell besondere Färbung und auch nur teilweise eigenen
Charakter gegeben hätten. In Goethes Schaffen sind die
Weimarer Erfahrungen gewiß nicht ohne Einfluß gewesen,
Herder wurde in Bückeburg in fürstliches Seelenleben hinein⸗
gezogen, ein wenig haben auch andere Höfe innerlich ein—
gewirkt: im ganzen aber blieb der Zusammenhang mehr ein
äußerer. Bezeichnend dafür ist, daß sich der Ton der deutschen
Literatur im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
nicht höfisch gestaltete, sondern vielmehr umgekehrt Stimmung
und Ton dieser wesentlich bürgerlichen Literatur an den Höfen
eindrang: selbst in den mündlichen Umgangsformen ist dieser
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