230
Zweiundzwanzigstes Buch.
zählung sein müssen, seine ersten Anfänge und Außerungen ein⸗
gehend zu verfolgen.
3. Das neue geistige Leben, das sich seit etwa 1740 oder
1750 Bahn brach, erschien den Zeitgenossen als etwas inner⸗
lichst noch nie Erlebtes: der alternde Herder hat von dieser
Periode gesagt, in ihr sei den Europäern „in der alltäglichen
eine neue Welt aufgegangen“. So empfand es auch Goethe,
und für das literarische Gebiet insbesondere stand er unter
dem lebhaften Eindrucke des Elementaren der Bewegung; er
erzählt einmal vom Sturm und Drange als „jener deutschen
literarischen Revolution“, „von der wir Zeugen waren, und
wozu wir, bewußt und unbewußt, willig oder unwillig, un⸗
aufhaltsam mitwirkten“.
Und auch darüber war Goethe sich klar, daß die ganze
Bewegung im Kerne einheimisch und, äußerlich betrachtet, im
Gewande der Reaktion gegen das Seelenleben der vorher⸗
zehenden Zeit erfolgt sei; so wenigstens läßt sich im Zusammen⸗
hange mit dem eben Ausgeführten aus dem berühmten Satze
des siebenten Buches von Dichtung und Wahrheit schließen:
„Die literarische Epoche, in der ich geboren bin, entwickelte
ich aus der vorhergehenden durch Widerspruch.“
Durch Widerspruch! Ein inhaltvolles Wort. In der
Tat war der Vorgang der, daß die ganze Lebensdominante
des individualistischen Zeitalters, sein besonderes Selbst⸗
bewußtsein gleichsam, verloren ging, sich auflöste, ohne daß
sogleich der feste Charakter eines neuen Zeitalters, eine sub—
jektivistische Dominante, an seine Stelle trat. Denn jedes
Zeitalter löst sich schließlich dadurch innerlichst auf, daß es
langsam anfängt, sich selbst zu erkennen, allmählich intellek—
tualisiert wird: wie man mit richtigem Bilde sagen kann,
seine Analyse vollzieht. Ganz besonders augenscheinlich und
stark aber vollzog sich dieser Prozeß in einem Zeitalter, das
an sich schon, wie das individualistische, einer entschiedenen
Bevorzugung der Verstandeskräfte zuneigte.
Was aber trat an die Stelle, als sich diese Auflösung