Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
zählung sein müssen, seine ersten Anfänge und Außerungen ein⸗ 
gehend zu verfolgen. 
3. Das neue geistige Leben, das sich seit etwa 1740 oder 
1750 Bahn brach, erschien den Zeitgenossen als etwas inner⸗ 
lichst noch nie Erlebtes: der alternde Herder hat von dieser 
Periode gesagt, in ihr sei den Europäern „in der alltäglichen 
eine neue Welt aufgegangen“. So empfand es auch Goethe, 
und für das literarische Gebiet insbesondere stand er unter 
dem lebhaften Eindrucke des Elementaren der Bewegung; er 
erzählt einmal vom Sturm und Drange als „jener deutschen 
literarischen Revolution“, „von der wir Zeugen waren, und 
wozu wir, bewußt und unbewußt, willig oder unwillig, un⸗ 
aufhaltsam mitwirkten“. 
Und auch darüber war Goethe sich klar, daß die ganze 
Bewegung im Kerne einheimisch und, äußerlich betrachtet, im 
Gewande der Reaktion gegen das Seelenleben der vorher⸗ 
zehenden Zeit erfolgt sei; so wenigstens läßt sich im Zusammen⸗ 
hange mit dem eben Ausgeführten aus dem berühmten Satze 
des siebenten Buches von Dichtung und Wahrheit schließen: 
„Die literarische Epoche, in der ich geboren bin, entwickelte 
ich aus der vorhergehenden durch Widerspruch.“ 
Durch Widerspruch! Ein inhaltvolles Wort. In der 
Tat war der Vorgang der, daß die ganze Lebensdominante 
des individualistischen Zeitalters, sein besonderes Selbst⸗ 
bewußtsein gleichsam, verloren ging, sich auflöste, ohne daß 
sogleich der feste Charakter eines neuen Zeitalters, eine sub— 
jektivistische Dominante, an seine Stelle trat. Denn jedes 
Zeitalter löst sich schließlich dadurch innerlichst auf, daß es 
langsam anfängt, sich selbst zu erkennen, allmählich intellek— 
tualisiert wird: wie man mit richtigem Bilde sagen kann, 
seine Analyse vollzieht. Ganz besonders augenscheinlich und 
stark aber vollzog sich dieser Prozeß in einem Zeitalter, das 
an sich schon, wie das individualistische, einer entschiedenen 
Bevorzugung der Verstandeskräfte zuneigte. 
Was aber trat an die Stelle, als sich diese Auflösung
	        
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