Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 231 
vollzog? Der jugendliche Goethe hat es einmal mit hin—⸗ 
reißender Beredtsamkeit ausgeführt. „Natur, wir sind von 
ihr umgeben und umschlungen — unvermögend, aus ihr heraus⸗ 
zutreten, und unvermögend, in sie tiefer hineinzukommen. Un⸗ 
gebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres 
Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet 
sind und ihrem Arm entfallen“ ..... Die Natur „hat mich 
hereingestellt; sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue 
mich ihr. Sie mag mit uns schalten. Sie wird ihr Werk 
nicht lassen. Ich sprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist, 
und was falsch ist, alles hat sie mir gesprochen. Alles ist ihre 
Schuld, alles ist ihr Verdienst“. Es ist der Determinismus 
der Empfindsamkeit; es sind die Tage spinozistischer Schwärme— 
reien. An den Busen der Natur wirft man sich, in ihr will 
man aufgehen, und nicht am wenigsten in der Empfindung 
des eigenen Herzens; all die gewaltigen Summen neuer Reize, 
die von der neuen Zeit der Bildung und von den indirekten 
Einwirkungen des neuen Wirtschafts- und Gesellschaftslebens 
herkommen: sie will man passiv, willenslos gleichsam, von den 
Dingen nur eben getragen, erleben, erforschen, genießen. 
In diesem Sinne ist Neugier eine der bezeichnendsten und 
frühesten Eigenschaften des neuen Zeitalters, und innigst mit 
der wichtigsten ihrer wirtschaftlichen Motivationen verkuppelt, 
wird sie uns in dem Satze des fein empfindenden von Creutz 
vorgeführt: „Die itzige Welt ist so eigennützig als sie neu— 
gierig ist.“ Wo aber konnte diese Neugier ein treffenderes 
Zentrum ihrer Betätigung finden, als in der Beobachtung des 
eigenen Herzens? Sie eben steht darum ganz im Vorder—⸗ 
grunde der Zeit, ist gleichsam einer der frühesten Atemzüge des 
Subjektivismus. Da will z. B. ein tapferer Mitstreiter des 
großen Friedrich im Siebenjährigen Kriege aus diesen Jahren 
blutigen Kampfes und drängender Ereignisse nichts anderes 
heimbringen, als die „Geschichte seines Herzens“ (1703). Und 
da meint von Creutz, der schon eben als Zeuge angerufene, 
vielleicht früheste Psychologe des Subjektivismus, in seinem 
„Versuche über die Seele“ (1754): „Ich würde ... die Feder
	        
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