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Zweiundzwanzigstes Buch.
der Vernunft hervordringt. So ist ihm das Geniale das
Fleisch gewordene Göttliche, und der Glaube an das Genie
wird der Zeit zum religiösen Gefühl.
Man versteht, was ein solcher Begriff in den primitiven
Jahren des Subjektivismus bedeutete: an die Stelle der ob—
jektiven sieben Gaben des Geistes, die im Mittelalter große
Männer durch Gottes Gnade zierten, trat er, eine höchst sub—
jektive Vorstellung: ein Inbegriff all der Unklarheiten und
Gärungsvorgänge, welche die Psyche der Übergangszeit durch—
tosten.
Und so gaben sich ihm die geistigen Vertreter dieser Zeit
gefangen, große und vornehmlich kleine, der brausende Most,
der später Wein werden sollte, und die trübe Flut der mittleren
Masse. Wie bestrickend die Wirkung war, zeigt vielleicht nichts
besser als die rapide Entwicklung Bürgers zum Selbstglauben
an seine geniale Berufung. Noch am 20. September 1772
spricht er von seinem „kleinen poetischen Talent“; sechs Wochen
später taumelt er als Originalgenie in den Dunstkreis der
Auserwählten. „Genius! Genius Shakespeares, gib mir
Schwingen, das Ziel zu erfliegen, welches mein Auge sieht!
So wahr ich lebe! ich bin itzt in einer so heißen, brennenden
Begeisterung, daß mir die Backen glühen ... Ihr sollt alle
mit bebenden Knien vor mir niederfallen und mich für den
Dschengis-Khan ... erklären, und ich will meinen Fuß auf
eure Hälse setzen!“ So hob sich aus dem Chaos der Leiden⸗
schaften und aus der ungeheuer raschen Bewegung des geistigen
Lebens, die morgen abgestorben erscheinen ließ, was heute
blühte, die selbst Wieland dem wandlungsreichen die Besorgnis
einflößte, er möge „aus der Mode kommen“, und die den
Schriften eines Gellert schon 1762 mit der Bezeichnung „eitlen
Gewäsches“ zu nahe trat, das Originalgenie, die gesteigerte
Persönlichkeit, die nur sich noch kannte, die heroisch sich hinweg⸗
setzte über alle Schranken des Dagewesenen und des Be—
stehenden, die sich als Ausdruck des höchsten Sehnens der Zeit
empfand und in der Verheißung ruhmvoller Unsterblichkeit
dahinschwebte.