Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

238 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
der Vernunft hervordringt. So ist ihm das Geniale das 
Fleisch gewordene Göttliche, und der Glaube an das Genie 
wird der Zeit zum religiösen Gefühl. 
Man versteht, was ein solcher Begriff in den primitiven 
Jahren des Subjektivismus bedeutete: an die Stelle der ob— 
jektiven sieben Gaben des Geistes, die im Mittelalter große 
Männer durch Gottes Gnade zierten, trat er, eine höchst sub— 
jektive Vorstellung: ein Inbegriff all der Unklarheiten und 
Gärungsvorgänge, welche die Psyche der Übergangszeit durch— 
tosten. 
Und so gaben sich ihm die geistigen Vertreter dieser Zeit 
gefangen, große und vornehmlich kleine, der brausende Most, 
der später Wein werden sollte, und die trübe Flut der mittleren 
Masse. Wie bestrickend die Wirkung war, zeigt vielleicht nichts 
besser als die rapide Entwicklung Bürgers zum Selbstglauben 
an seine geniale Berufung. Noch am 20. September 1772 
spricht er von seinem „kleinen poetischen Talent“; sechs Wochen 
später taumelt er als Originalgenie in den Dunstkreis der 
Auserwählten. „Genius! Genius Shakespeares, gib mir 
Schwingen, das Ziel zu erfliegen, welches mein Auge sieht! 
So wahr ich lebe! ich bin itzt in einer so heißen, brennenden 
Begeisterung, daß mir die Backen glühen ... Ihr sollt alle 
mit bebenden Knien vor mir niederfallen und mich für den 
Dschengis-Khan ... erklären, und ich will meinen Fuß auf 
eure Hälse setzen!“ So hob sich aus dem Chaos der Leiden⸗ 
schaften und aus der ungeheuer raschen Bewegung des geistigen 
Lebens, die morgen abgestorben erscheinen ließ, was heute 
blühte, die selbst Wieland dem wandlungsreichen die Besorgnis 
einflößte, er möge „aus der Mode kommen“, und die den 
Schriften eines Gellert schon 1762 mit der Bezeichnung „eitlen 
Gewäsches“ zu nahe trat, das Originalgenie, die gesteigerte 
Persönlichkeit, die nur sich noch kannte, die heroisch sich hinweg⸗ 
setzte über alle Schranken des Dagewesenen und des Be— 
stehenden, die sich als Ausdruck des höchsten Sehnens der Zeit 
empfand und in der Verheißung ruhmvoller Unsterblichkeit 
dahinschwebte.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.