Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Einleitung. 
Zeit, sukzessidv, vielfach auch unanschaulich und darum minder 
sicher entwickeln köunen. Zu diesem Umstande aber kam für 
das 16. bis 18. Jahrhundert noch ein spezielles Moment, welches 
die bildende Kunst als Wertmesser der individualistischen Ent— 
wicklung besonders geeignet erscheinen läßt. Es ist in der Ge— 
schichte des individualistischen Zeitalters bereits erzählt worden!, 
wie das Absterben des Individualismus auf vielen Gebieten, 
vor allem aber auf denen der Literatur und Musik schon 
rüh von immer stärker werdenden Gegenströmungen begleitet 
wurde, die sich im Bürgerstande bildeten und die das neue 
Zeitalter des Subjektivismus einzuleiten bestimmt waren. Diese 
Gegenströmungen machten sich nun auf dem Gebiete der bildenden 
Aunst minder bemerkbar, da diese, wie gewöhnlich, noch lange 
Domäne vornehmlich der sozial einstweilen noch herrschenden 
Schichten, der Fürsten und des Adels blieb; und so er—⸗ 
scheint eben sie zur Beobachtung des Ablaufes der individna⸗ 
listischen Strömungen ebenso geeignet, wie sie das Empor— 
kommen des neuen Subjektivismus besonders schwer zu ver⸗— 
folgen gestatten muß. 
Die Führung aber hatte innerhalb der bildenden Künste des 
16. und auch noch des 17. Jahrhunderts entwicklungsgeschichtlich 
wiederum die Malerei übernommen. Denn die Architektur 
und das Kunsthandwerk dieser Zeit standen noch lange unter 
den entgegengesetzten Tendenzen der forthallenden Gotik und 
der volksfremden Renaissance, und die Plastik ging fast im 
Kunstgewerbe auf. So rang sich unter diesem Fortwuchern des 
Hergebrachten und des Antiken der neue Baustil der Zeit, das 
Barock, erst langsam empor. Die Malerei aber hatte die 
Führung inzwischen um so mehr erreicht, als in dieser Zeit 
leilweise noch der alte Bürgerstand des 15. bis 16. Jahr⸗ 
hunderts der soziale Träger der Kunstbestrebungen gewesen 
war; die Lieblingskunst dieses Standes aber war von An—⸗ 
bheginn eben die Malerei gewesen. 
In der Malerei erfolgte jetzt entwicklungsgeschichtlich, in 
1Bd. VII, 1, S. 282 ff. der Deutschen Geschichte.
	        
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