Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.
ꝛ2as
Die Lektüre des Messias wird mit dem Verse empfohlen:
Willst du dich auf gen Himmel schwingen
Und hören, wie die Engel singen,
Und hören, was Jehovah spricht:
So lies dies göttliche Gedicht.
Nach der Lektüre des ersten Teiles von Werthers Leiden
mußte Zimmermann vierzehn Tage verstreichen lassen, ehe er
sich an die des zweiten Teiles heranwagte; Stolberg empfand
hei dem Lesen des Romanes die heftigste Neigung, Goethe zu
umarmen; Bürgern erschien Goethe nach der Lektüre im Traume.
Dramen des Sturmes und Dranges wurden unter einer er—⸗
staunlichen Beteiligung des Publikums gegeben; bei der Auf—
führung von Schillers Räubern eilte man in Leipzig schon drei
Stunden vor Beginn auf die Theaterplätze.
Der Briefstil, dieser Prüfstein des Pulsschlages einer Zeit,
war überhitzt, atemlos, antithesenreich, sprunghaft, abgerissen;
hegeistert und manieriert, affektiert und prophetisch. Dithyram—
bisch und wilderzentrisch drängten die Gefühle in die Sätze;
schnell ging's aus dem Kopfe auf das Papier, den „Wisch“.
So kommt es Goethe, einem der ruhigsten noch der schöpfe—
rischen Köpfe, „immer vom Herzen, wenn ich schreibe; und
wenn ich erst nachdenken oder studieren und rücken sollte:
was? kriegten Sie in Ewigkeit keinen Brief“. Klinger aber
kann schreiben: „Lauf' Schlittschuh wie ein geflügelter Gott.
Trinke Wein, lese meine Griechen und was mit ihnen. Mach'
Gedichten und Zeug, hab' vier gute Tage gehabt, als ich hier
ankam, da ward ein Stück, heißt Leidendes Weib, worin ihr
mich finden werdet, und Menschengefühl!.“ Ein leidenschaft—
liches Stammeln, durch fortwährende Ausrufe unterbrochen,
hei denen die Ahs und Ohs nicht mehr genügen: daneben
tritt das Haha! des Lachens. Das alles genialisch derb;
Dutzen häufig, Brüder und Jungens die gewöhnliche Anrede;
auch sonst ein Überspülen in die ungezügelten Wässer der
Dialekte: in Summa allgemeine Erregtheit.
Steinhausen, Gesch. d. D. Briefes 2, 276, 278.
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