244
Zweiundzwanzigstes Buch.
Erregtheit, ein ständig wogendes Affektleben infolge der
Aufmunterung der Gefühlsseite der Seele durch neue Reize:
das ist die allgemeinste Signatur der Zeit. Darum der Kultus
des Herzens, dessen Fülle zu erreichen höchster Wunsch ist,
darum die Vorliebe für Musik und vor allem die neue pathe⸗
tische Musik, die Gluck, der „Sonnenflieger“, gebracht hat:
darum der Satz Goethes, vom Gefühl müsse alles ausgehen
und dahin zurückkommen.
Innerhalb des Gefühlslebens aber waren bei der all—
gemeinen Erregtheit der Zeit nicht die einfachen, sondern die
sogenannten Mischgefühle, das Bitter⸗Süße, das Lustig⸗
Traurige, das Wehmütige, das Rührende charakteristisch: eben
nach ihnen hieß ihre erste Periode die der Empfindsamkeit.
Da redet schon Heinse Gleim als „Grazienheiligen“ an und
schreibt ihm: „Ich drücke Sie noch einmal an mein wehmütiges
Herz und gebe Ihnen den Kuß der zärtlichsten Schmerzen.“
Da schreibt Lavater an Herder in seinem ersten Briefe mit
zugespitzter Feder und aus phosphoreszierendem Tintenfaß:
Jetzt, Freund, kann ich nicht antworten — aber schreiben
muß ich — und wollte lieber weinen — hinübergeistern —
zerfließen — an deiner Brust liegen — meine Herzensfreude,
zwei Freundinnen mit mir dir zuführen — und sogar —
nicht sagen, blicken, drücken, atmen: „Du bist und wir sind.“
Und Tränen werden, wie einstens im zehnten Jahrhundert,
ständige Zeichen und Begleiterinnen gesteigerter Empfindung.
Wieland weint Tränen des Entzückens über Klopstocks Messias;
Gleim weint, als er den Tod des Patroklus liest, Garve weint
über Werther, und Herder schreibt: „O süße Tränen meines
Lebens, im Arm der Freunde geweint! O süße Tränen der
Freundschaft, wie göttlich seid ihr!!“ So werden Tränen
Zeugen der vornehmen Geburt neuer Weltanschauung: Wil—
helm von Humboldt fühlt in seinen Jugendjahren unter tausend
heißen Tränen eine neue Welt in sich erstehen; und so werden
sie zu falschen Perlen literarischer Modeprodukte: in Johann
Steinhausen a. a. O. 2, 2385 ff.