Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 245
Martin Millers Klostergeschichte „Siegwart“ vergießt alles
Tränen von der Erde bis an den Himmel, denn selbst der
Mond sieht sich zu weinen veranlaßt.
Es ist die Stimmung, die später im Weltschmerze der
Romantik in edleren Formen auftritt. Am Schlusse dieser
Periode aber entwickelte sich aus ihr jener durch Tränen
lächelnde, andeutungsreiche Humor, dessen Meister Jean Paul
gewesen ist. Er beruht einmal auf der Empfindung, daß sich
das Beste an den Gefühlen am Ende doch durch die Sprache
nicht wiedergeben lasse, sondern nur symbolischer Andeutung
fähig sei. In diesem Sinne hat schon Herder gemeint, daß
sich „die besten Silberlaute des Herzens und Teilempfindungen
nicht schreiben ließen“. Und jener, Humor ist anderseits in dem
Bestreben begründet, sich aus dem Reiche der Empfindungen
durch deren resignierte Objektivierung in das Reich einer
höheren geistigen Freiheit zu retten: insofern wird er zu einem
farbigen Spiegel, in dem das Edle nur liebenswürdig, das
erschütternd Gewaltige nur kraftvoll, das Gemeine bloß toll,
das Unverständige nicht mehr als tölpisch erscheint: und be—
deutet einen leisen Anfang der Selbstaufhebung des erregten
Gesamtzustandes der Zeiten sowohl der Empfindsamkeit wie
des Sturmes und Dranges.
Im übrigen hat es diesem Zustande natürlich selbst in
der Blüte seiner Entwicklung nicht an Gegnern gefehlt. Ins—
besondere kehrte sich der noch keineswegs abgestorbene Ratio—
nalismus gegen ihn bis zu dem Grade, daß er selbst einige
der entschiedensten Anhänger von Sturm und Drang in sein
Lager hinüberzog: und eben in diesem Kampfe hat die Auf—
klärung noch einmal eine radikalere Richtung entwickelt. Aber
auch ein so sanfter Mann wie Wieland, der kluge Redakteur
des „Merkur“, konnte schon im Jahre 1771 in seinem Blatte
die treuherzige Frage zur Beantwortung stellen: „Wird durch
die Bemühungen kaltblütiger Philosophen und Luzianischer
Geister gegen das, was sie Enthusiasmus und Schwärmerei
nennen, mehr Böses als Gutes gestiftet?“ Und ergingen
sich damals die meisten Autoren noch in heftigen Angriffen