Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 247
Strömung, die, bei aller Anerkennung der Errungenschaften
des primitiven Subjektivismus, doch weniger dessen erste
enthusiastische Lebensäußerungen festhalten, als die neue seelische
Haltung verstehen und erleben, ja in neuer Weltanschauung
und Dichtung schon als Ganzes ausmünzen wollte. Es sind
die Anfänge der geistigen Grundlagen des Klassizismus.
Daneben dauern dann freilich Empfindsamkeit und Sturm
und Drang als Unterströmungen noch fort. Neben die resig—
nierten Genies von tragikomischem Humor und einem kleinen
Stiche ins Närrische tritt das, was Jean Paul Titane genannt
hat: Menschen, die „die Milchstraße der Unendlichkeit und den
Regenbogen der Phantasie zum Bogen ihrer Hand gebrauchen
wollen, ohne eine Sehne darüber ziehen zu können,“ die proble—
matischen Naturen jener Zeit, denen, wie sie Goethe beschreibt,
keine Situation genug tut, und die keiner genügen. Und ander⸗
seits flüchtet sich die zur Konvention gewordene Sentimentalität
der Gefühlszeit mit obligatem Kosmopolitismus und ein wenig
Frivolität in das mittlere Bürgertum, soweit es philister⸗
haft ist oder eben durch diesen Prozeß den Charakter des
Philiströsen erhält. Das ist das Lesepublikum der sogenannten
Gesellschaftsromane des ausgehenden 18. Jahrhunderts, der
Erzeugnisse der Lafontaine und Kotzebue, der Schilling, Laun
und A. W. Lindau. In ihren Büchern erscheinen, der be—
zeichnendste sozialgeschichtliche Zug vielleicht, empfindsame
Sinnlichkeit und tränenreiche Moral als tatsächlich gleich—
berechtigt, wenn auch eine Zeit prophezeit wird, „wo Grund⸗
sätze allein die Quellen unserer Tugend wie unseres Glückes
sein werden“: noch verhindert in diesen Kreisen ein leiser
Schlußwirbel der Erregtheit die Ausbildung einer neuen sittlich⸗
subjektivistischen Dominante.
Aber auch sonst, als eine Form des Gefühlsausdruckes, in
der Gestalt der „empfindsamen Reflexion“, haben sich Spuren
der Empfindsamkeit namentlich bei Frauen noch über den
Wechsel des Jahrhunderts hinaus ziemlich allgemein erhalten.
So schreibt die Königin Luise von Preußen im Mai 1807 an
den Zaren: „On voit se réaliser en vous des perfections