Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

250 
SZweiundzwanzigstes Buch. 
wirklicht worden. Fruchtbar im höchsten Sinne wurde natür— 
lich nur die Verwirklichung der zweiten; und in ihr geht die 
Zeit der Romantik langsam in die Periode jenes Realismus 
über, der für die dreißiger bis fünfziger Jahre des 19. Jahr⸗ 
hunderts charakteristisch gewesen ist. 
4. Es bezeichnet die Kurzsichtigkeit der älteren herkömmlichen 
Geschichtsbetrachtung, daß man die ganze reiche und überaus 
wichtige seelische Bewegung, von der bisher die Rede gewesen 
ist, aus nichts als den literarischen Vorgängen der fünfziger 
bis siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts herzuleiten pflegt. 
Da soll Klopstocks Messias die Empfindsamkeit, Goethes Götz 
von Berlichingen Sturm und Drang hervorgerufen haben. 
Welch naive Umkehrung von Ursache und Wirkung, und welche 
Armut der geschichtlichen Anschauung! Aber auch damit hat 
sich dieser und jener Forscher noch nicht begnügt. Innerhalb 
der literarischen Strömung sollen es wiederum fremde Ein⸗ 
flüsse gewesen sein, die den „eigentlichen“ Ausschlag gaben: 
und für den Übergang der Nation von einem seelischen Zeit⸗ 
alter zum anderen, von der schon so wundersam reichen Kultur 
des Individualismus zu der noch ungleich höheren und um⸗ 
fassenderen des Subjektivismus werden schließlich Shakespeare 
und Rousseau, ja am Ende wohl gar Ossian und Noricks 
Empfindsame Reise verantwortlich gemacht. 
Gegenüber solchen Auffassungen kann die Kritik der älteren 
historischen Methode einfach sein; es genügt, sie in die biblischen 
Worte: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, zusammen⸗ 
zufassen, — und es bedarf wahrlich nicht mehr des Nach— 
weises, den ungewollt und fast unbewußt der Inhalt der 
ganzen Erzählung dieses Bandes erbringt: daß Weltanschauung 
und Dichtung, bildende Kunst und Musik, daß alle historisch 
neuen Lebensäußerungen der zweiten Hälfte des 18. Jahr— 
hunderts überhaupt dem einen großen Ursachenkomplexe, dem 
Übergange zu einer subjektivistischen Form des Seelenlebens 
verdankt werden. 
Damit werden natürlich fremde Einflüsse nicht geleugnet.
	        
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