Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 251 
Aber es ist dringend an der Zeit, sie auf das Maß ihrer 
tatsächlichen Wirkung zurückzuführen, das selbstverständlich nicht 
durch den bloßen Nachweis einiger direkten, vielleicht nur 
auf wörtlichen Übereinstimmungen beruhenden Zusammenhänge 
zwischen Autoren und Büchern des In- und Auslandes und 
dergleichen bestimmt werden kann. 
Da ist denn zunächst kein Zweifel, daß die beiden größten 
westeuropäischen Völker, Engländer und Franzosen, früher als 
die Deutschen in die Kultur eines subjektivistischen Zeitalters 
eingetreten sind. Und das hatte zur natürlichen Folge, daß 
sich bei ihnen auch manche Ergebnisse frühsubjektivistischer Kultur 
früher einstellten als in Deutschland, und daß damit bei dem 
bestehenden regen west- und mitteleuropäischen Verkehre ein 
Austausch geistiger Errungenschaften eintrat, der vornehmlich 
Deutschland zugute kam. Verlief er vielfach unmerklich, und 
sind seine Bahnen, namentlich so weit es sich um geistige Ein— 
fuhr aus England handelte, noch nicht völlig aufgeklärt, so 
stellte sich daneben die besonders leicht zu übersehende Ein— 
wirkung einzelner hochragender Geisteshelden ein, unter denen 
auf französischer Seite vornehmlich Rousseau und auf englischer 
Shakespeare und Macpherson hervorragen. 
Der geringere Einfluß kam, ins Ganze gerechnet, wohl 
von Frankreich. Goethe hat für einen Teil dieses Einflusses 
das Alterswort geprägt: „Wo die Franzosen des 18. Jahr⸗ 
hunderts zerstörend sind, ist Wieland neckend“. In der Tat 
hielten sich in Frankreich, vornehmlich infolge der Wirksamkeit 
Voltaires, des großen Gegners Rousseaus, zu viel Elemente des 
Rationalismus, als daß deutsche Empfindsamkeit und deutscher 
Sturm und Drang von ihnen auch nur an einem Punkte ent— 
scheidend hätten gefördert werden können. 
Anders stand es mit Rousseau. Aber war Rousseau so ganz 
ein Vertreter der französischen Kultur? Voltaire hat die neue 
Héloise „un sermon suisse“ und Rousseau „demi-Gaulois, 
demi-Allemand“ genannt!. In der Tat ist er kulturgeschicht— 
Zitate bei Texte in Petit de Julleville 8. 691.
	        
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