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Zweiundzwanzigstes Buch.
lich neben den älteren Haller zu setzen; beider Wiegen standen
nicht weit voneinander; sie sind wie gleichgeartete Quellen,
deren Wässer nach verschiedenen Ozeanen ablaufen. Und ist
die literargeschichtliche Stellung der Schweiz mit ihren ver—
schiedenen Volksbestandteilen nicht schon mehr als einmal gleich⸗
sam die einer Wetterwarte zwischen dem romanischen und dem
germanischen Europa gewesen? Die Eidgenossen gleichen hierin
den Vlamen, die an dem anderen Flügel der germanischen
kontinentalen Westgrenze eine ähnliche Rolle gespielt haben: in
der Vermittlung keltogermanischer Stoffe der Dichtung während
des früheren Mittelalters, in der großen Städtepolitik des 14.
und 15. Jahrhunderts, in den Einflüssen der Antwerpener Maler⸗
schule, neuerdings in dem Wirken von Männern wie Meunier
und Maeterlinck.
Von Rousseau hat der Contrat social in Deutschland weniger
gewirkt; man war im alten Reiche des politischen Theoreti⸗
sierens müde. Desto mehr schlug der Emile durch — mehr
selbst als in Frankreich; es war einer der schweizerischen Er—
ziehungsromane, die in Deutschland stets Teilnahme gefunden
haben. Geringer wiederum, aber doch noch stark genug war
die Wirkung der Neuen Héloise. Daß aber durch sie Elementar⸗
gefühle der Empfindsamkeit und gar erst des Sturmes und
Dranges ausgelöst worden wären, läßt sich nur mit großer
Vorsicht und in enger Begrenzung behaupten; vielmehr waren
es auf sie begründete besondere Lehren, die zündeten. Und
auch in ihnen war der einfache Drang zur Natur, wie sich
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selbständig entwickelten seelischen Umwälzungen, und höchstens
für deren Konsequenz, das Aufsuchen der Natur als des Origi⸗
nalen, unbewußt Genialen, die Menschen mit primitivem Segen
Beglückenden, läßt sich Rousseaus Vorbild stärker betonen. Aber
auch hier darf nicht vergessen werden, daß Hamann Rousseau
zeradezu abgeneigt war; daß Herder eher im Gegensatze, als in
Zustimmung zu ihm stand, da ihm seine eingehenderen geschicht⸗
lichen Kenntnisse die Rousseausche UÜberschätzung des Naturzustandes
verboten; daß später selbst Humboldt sich von Rousseau kaum