Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 253 
berührt zeigt, obwohl sein Lehrer Forster ein Apostel Rousseaus 
gewesen ist. Im ganzen erscheint der Einfluß Rousseaus in den 
Zeiten des primitiven deutschen Subjektivismus doch noch un— 
vermittelt, so wie eine äußerliche Gewalt, ein Platzregen etwa, 
einwirkt; innerlich aufgenommen, dann aber auch zu etwas 
ganz Neuem verarbeitet, haben ihn erst die Romantiker, ein 
Arndt, Wackernagel oder Wolfgang Menzel. 
Tiefer haben zu früher Zeit in gewissem Sinne die Eng⸗ 
länder eingegriffen. Noch durch die ganze erste Hälfte des 
17. Jahrhunderts und darüber hinaus in den Spitzen ihrer 
geistigen Bewegung von den Niederländern geführt, dann seit 
der glorreichen Revolution in frischerem Leben dem Subjektivis— 
mus zustrebend und somit den Deutschen um eben nicht viel 
mehr als etwa zwei Menschenalter voraus, schufen sie bis in 
die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein Werke, die der 
deutschen Entwicklung so ständig und stetig vorausgingen, daß 
sie von dieser kaum übersehen werden konnten. Da wirkten 
Pope und Milton; da verkörperte Defoes Robinson Crusoe 
lange vor Haller und Rousseau und auch noch vor Schnabels 
Insel Felsenburg den Drang in die Ferne und den Reiz des 
Primitiven; da stimmten Richardsons Romane rührsam und 
nährten Youngs Nachtgedanken seraphische Gluten. Dann 
tauchte zuerst der Kultus Shakespeares in spärlichen Anfängen 
auf, bis der Dichter dem Sturm und Drange ein irreführender 
Lehrer dramatischer Komposition wurde; Macphersons Ossian⸗ 
lieder hauchten Aolsharfenklänge in die Herzen einer ver— 
derbten Menschheit, wenn der Sänger des Abends, zwischen 
Leben und Tod, bei dem bleichen Scheine der Sterne oder 
des stillen Freundes, des Mondes, die Harfe hob, um im 
säuselnden Hall der Töne den Sang anzustimmen von Stim— 
mungen des Uranfanges und Gefühlen der Vorzeit — und 
Lorenz Sternes, des geriebenen Landpfarrers, Tristram Shandy 
und Empfindsame Reise! gewann auch denen Rührung ab, 
Der Übersetzung der Sentimental journey of Vorick (1768), in der 
das Wort sentimental mit empfindsam wiedergegeben war, verdankt die 
Periode der Empfindsamkeit auch ihren Namen. Das Wort verbreitete sich
	        
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