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Zweiundzwanzigstes Buch.
war, ergibt sich, wenn wir jetzt den Naturalismus betrachten,
der in einer bisher unerhörten Intensität die natürliche Folge
einer anfangs fast unbedingten und willenlosen Hingabe an
die Welt der psychischen wie physischen Erscheinungen ge—
wesen ist.
Am einfachsten und frühesten äußerte sich dieser Naturalis—
mus als Naturgefühl. Von diesem Punkte aus wurde die
Naturanschauung schon früh in den Anfängen der Robinsonaden
zeweckt, wie sie bis auf den Simplizissimus zurückgehen. Da—
neben trat, nicht minder früh, eine vermehrte Vorliebe des
Städters für das platte Land und insofern die freie Natur
überhaupt; der Garten beginnt eine Rolle zu spielen, und was
man in der Natur sucht, ist vor allem die Anmut: „die An—
mut, welche schattigte Gebüsche und das Rieseln des vorbei—
ließenden Wassers verursachen“. Doch bald greift man weiter,
der Eindruck des Erhabenen wird aufgesucht, und die Zeit
der, Fahrten ins Hochgebirge bricht an. Dabei werden die
ersten, noch keineswegs ungefährlichen Reisen, wie z. B. die
zahlreichen Exkursionen Scheuchzers, in gewissem Sinne auch
noch die Hallers, vornehmlich in wissenschaftlichem Interesse
unternommen.
Allein schon in Hallers Berichten, vor allem in seinem
Gedichte „Die Alpen“, wird doch auch eine anderer Ton an—⸗
geschlagen: die große Natur in ihren ästhetischen Werten war
es, die neben der Einfachheit der Schweizersitten anzog. Es
ist die Richtung, der dann der Genfer Eidgenosse Rousseau
mächtiger Bahn brach; erst die Neue Héloise (1761) vermittelte
der ganzen mitteleuropäischen Welt in der noch ungekannten
Alpennatur einen Quell neuer Genüsse.
Nun wagte man sich langsam auch an das eigentliche
Hochgebirg. Voran ging wiederum der Eifer großer Natur—
forscher, in denen sich Naturfreude und Wissenstrieb verbanden.
So bestieg Saussure 1787 den Montblanc, von Hohenwart
und Genossen bezwangen 1800 und 1802 den Großglockner,
und 1804 und 1805 wurde von Pichler und Gebhard der
Ortler erklommen.