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Zweiundzwanzigstes Buch.
Ideenkreises fand nun schon der noch halbschürige Subjektivis—
mus der pietistischen und der spätrationalistischen Welt reiche
Belegenheit, die ganze Schöpfung mit frommen Gefühlen zu
erfüllen. So hat schon Brockes sein Irdisches Vergnügen in
Gott von diesem Standpunkte aus geschrieben, und tausend
Nachahmungen sind seiner Dichtung gefolgt. Bald aber galt
die Empfindungsseligkeit der Natur auch ohne diesen frommen
Einschuß, und selbst vom Standpunkte des Rationalismus
konnte sie um die Mitte des 18. Jahrhunderts motiviert werden.
So schreibt 1749 Buffon, der in Deutschland mit Liebe und
Begeisterung gelesene französische Naturforscher: „Der Mensch
verkehrt die Natur seiner Seele, wenn er sie nur anwendet,
um zu empfinden; sie ist ihm gegeben, um zu erkennen. In
dem ruhigen, aber unablässigen Fortschritte des Erkennens er—
höht die Seele sich selbst; sie lernt sich selbst genügen und den
Selbstgenuß im Genuß des Universums finden.“ Indes die
Meinung der deutschen Empfindsamkeit war das doch nicht:
sie hat vielmnehr um ein paar Jahrzehnte später Friedrich Leo⸗
pold Stolberg mit dem frommen Verse getroffen:
Süße heilige Natur,
Laß mich gehn auf deiner Spur,
Leite mich an deiner Hand
Wie ein Kind am Gängelband.
Gewiß: „Selbstgenuß im Genuß des Universums“: aber
ein Genuß, der das Ausruhen des ungeteilten, in unbewußter
Empfindung seines Daseins als Ganzes lebenden Menschen in
der Naturbeseelung bedeutete und Einverleibung der Natur in die
Seele in diesem Sinne: das war es, was man mit allen Fibern
erstrebte. Da wurde das Wogen der Saaten zum Gesang, da
begannen Tag und Nacht sich im abendlichen Dämmerschein leise
zu grüßen, da streute der Mond seinen Silberglanz über Berg
und Tal, während die Sterne als Phantasien der Natur am
Firmamente hinzogen: da war die Natur freigebig und heiter,
ernst und wehmütig, ja lachte und scherzte: und jegliche Land⸗
schaft sah man im ganzen Widerhall der eigenen Gefühle: nicht
ymbolisch, sondern in tatsächlicher ÜUbertragung menschlicher