Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 259
Empfindung schien sie beseelt. Und wie die Morgenröte ver—
klärt oder das Sonnenlicht küßt, so spricht das Schilf am
See und die Tanne auf schroffem Felsgezack, und der Tau
des Grashalms wird zu perlenden Tränen.
Mit welch außerordentlicher Intensität unter solchen Um—
ständen eine besonders große Natur auf hochbegabte und hoch—
gemute Seelen wirkte, das hat, in den Ausgangszeiten des
Frühsubjektivismus, wohl niemand besser erfahren oder wenig—
stens geschildert, als Wilhelm von Humboldt, da er die Alpen
gesehen hatte. „Nie wurde meine Seele mit so großen Bildern
unwiderstehlicher, alles zerschmetternder und widerstrebend
trotzender Stärke erfüllt; nie drängte sich mir so stark das
Gefühl einer zahllosen Reihe verflossener Jahrhunderte auf,
nie dämmerte in meiner Seele mehr ein Ahnen unabsehbar
ferner, wieder zertrummernder und wieder schaffender Zukunft.
Wenn ich manchmal aus einem engen, umschlossenen Tal auf
die höchsten unersteiglichen Gipfel der Gebirge rund umher
sah: wie sich die Ideen der Einöde, der Einsamkeit, des Blickes
in weite Fernen von der schwindelnden Höhe, rege Erwartungen
dessen, was hinter jenen Bergen, über jenen Gipfeln hinaus
ist, meiner Seele bemeisterten, wie dadurch alles Vergangene,
Zukünftige, Entfernte, Ungewisse meine träumende Phantasie
umschwebte!“
So heroischer Empfindungen freilich wurden die Zeit—
genossen der Empfindsamkeit und selbst des Sturmes und
Dranges im allgemeinen noch nicht gewürdigt. Aber auch für
sie, für jeden höher und frischer Empfindenden der Zeit wurde
der sympathische Zusammenhang dunklen menschlichen Fühlens,
der halb unbewußten Vorgänge in der Seele mit der Natur so
gut wie ständig hergestellt: und ein Goethe konnte in diesem
Zusammenhange gar von „einer wundersamen Verwandtschaft
mit den einzelnen Gegenständen der Natur“ reden, „von einem
innigen Anklingen, einem Mitstimmen ins Ganze, so daß ein
jeder Wechsel, es sei der Ortschaften und Gegenden oder der
Tages- und Jahreszeiten oder was sonst sich ereignen konnte,
.aufs innigste berührte.“