Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Es sind Empfindungen, in denen die Natur immer wieder 
doch nicht bloß als objektiv beseelt erscheint, sondern gleichsam als 
subjektiv und selbsttätig mitfühlend, als triebbegabt, als drang— 
voll und sehnsuchtsreich eigener Hingabe an das menschliche 
Empfinden zueilend. Eine Auffassung war damit erreicht, die 
sich durch die bloße Belebung der Natur allein doch nicht er— 
klären läßt. Voll verständlich wird sie erst durch die wunder⸗ 
haren Formen, die inzwischen der Verkehr zwischen Mensch 
und Menschen angenommen hatte: denn sie ist bis zu einem 
zgewissen Grade eine Nachbildung, ein Abklatsch dieses Ver— 
kehres. 
Da liegt es nun in der Natur der Sache, daß jeder zu— 
nehmende Subjektivismus den Verkehr unter den Menschen 
steigern mußte: denn während die individualistische Persönlich— 
keit in sich abgeschlossen gelebt hatte, ist es die Eigentümlich— 
keit der subjektivistischen, im Trieb- und Willensleben wie in 
der Gefühlsäußerung aus sich herauszugehen: schon die Wand— 
lungen des Wirtschaftslebens, die auf einem stetig verstärkten 
Verkehre beruhen, weisen in dieser Richtung. Mit welcher 
Wucht aber, mit welcher Leidenschaft und welcher rastlosen 
Energie nahm das neue Zeitalter diesen Verkehr auf! Nicht 
äußerlich entwickelte man ihn; wiederfinden wollte man sich 
selbst in seinen Nachbarn, und ganz allgemein war der Mensch 
dem Menschen interessant. Es sind Zusammenhänge, die von 
jugendlichen Menschen mit all der Emphase der Empfindsam— 
keit ausgesprochen wurden: 
Stünd' im All der Schöpfung ich alleine, 
Seelen träumt' ich in die Felsensteine, 
Und umarmend küßt' ich sie. Schiller.) 
Aber auch der besonnene Denker huldigte dieser Theorie des 
gegenseitigen Einverleibens und Ineinsfindens. So führt 
J. A. Eberhard in seiner „Allgemeinen Theorie des Denkens 
und Empfindens“ (1776) in Beantwortung einer Preisfrage 
der Berliner Akademie aus, daß wir uns „in den geselligen 
Empfindungen mit dem Gegenstande vermischen und uns in 
anderen zu vergnügen glauben“; und diese „Verschmelzung
	        
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