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Zweiundzwanzigstes Buch.
Briefwechsel, in dem sich Kantilenen der Freundschaft und
Liebe durch halbe und ganze Dutzende von Seiten ergießen:
ganz sucht man auch jetzt noch sich zu durchdringen, zu ge⸗
nießen. So werden die Briefe zu „Blättern der Empfindung
und Freundschaft“; die Begriffe Korrespondent und Freund
zeigen Neigung ineinander überzugehen; man kann nach
Briefen seufzen und durch Briefe erquickt werden; es können
durch Briefe sich Freundschaften, ja Verlobungen anknüpfen,
ohne daß man einander schon persönlich kannte: Goethe und
die Gräfin Auguste Stolberg, die leidenschaftliche Briefe mit—
einander wechselten und beide sehr alt wurden, haben sich
nie gesehen; Schillers Freundschaft mit der Familie Körner
ist wenigstens durchaus schriftlich begründet worden; Elise
Hahn hat Bürger geheiratet, nachdem sie sich an seinen Ge—
dichten in ihn verliebt hatte und in Briefwechsel mit ihm ge—
kommen war; und Schillers Meininger Schwager Reinwald
hat sich zuerst in einen Brief seiner Frau, dann erst in diese
selbst verliebt.
Dabei wurden Freundschaften mündlich wie brieflich sehr
leicht geschlossen; eine edle Handlung, ein gefühlvolles Lied,
eine gedankenreiche Schrift führten die Geister zur Verbindung
nicht nur, nein alsbald zur Verbrüderung. So schreibt selbst
der kritische Merck an den ihm unbekannten Verfasser des
Briefes an die Freidenker (J. G. Jacobi): „Erlauben Sie mir,
wer Sie auch sein mögen, Sie meinen Bruder zu nennen.“
Und solche Herzensergüsse behielt man nicht bei sich; man
teilte sie anderen mit, man ließ sie gar drucken: unzählig war
die Menge der auf diese Art begangenen Indiskretionen und
schwer der Arger, der sich oft genug über sie erhob. Aber
das alles beseitigte nicht die allgemeine geistige Haltung: die
Welt erschien vor allem als Menschenwelt wieder ganz ver—
jüngt, und fast der Eindruck eines kindlichen Treibens ergibt
sich aus diesem Durcheinander rasch erwirkter Sympathien.
Wie aber sollte mit all den Versuchen, die Menschen zu
Steinhausen a. a. O. 2, 385.