Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 263
lieben, nicht auch das Bestreben, sie kennen zu lernen, parallel
gegangen sein? Die Zeit ist voll von dem Bedürfnis der
Menschenkenntnis, der Kenntnis anderer und der Kenntnis
seiner selbst. „Wen es noch einige Mühe kosten sollte,“ sich
in meine Theorie vom Ursprunge der angenehmen und un—
angenehmen Empfindungen zu versetzen, schreibt Sulzer im
Jahre 1751, „dem kann ich sagen, daß ich seit etwa sechs
Jahren auf das, was bei einer angenehmen Empfindung über
irgendeinen Gegenstand in meiner Seele vorging, die genaueste
Aufmerksamkeit gewandt habe.“ Und nicht bloß Psychologen
waren Selbstbeobachte. Das Tyccν oονrö“ ist eine der
Lieblingslosungen der Zeit; und schon nach Hamann beginnt
jede Erkenntnis echt subjektivistisch mit Selbsterkenntnis, wozu
freilich auch der Verkehr mit anderen notwendig ist, denn in
der Seele seines Nächsten schaut der Mensch wie in einem
Spiegel besonders leicht sein verborgenes Wesen. Neben die
Selbsterkenntnis aber trat auch als Selbstzweck die Erkenntnis
anderer. Auch hier malt Wilhelm von Humboldt das Wesen
der Zeit, wenn er von sich selbst berichtet: „Ich hatte damals
eine Art Leidenschaft, interessanten Menschen nahe zu kommen,
viele zu sehen und diese genau, und mir ein Bild ihrer Art
und Weise zu machen. Die Hauptsache lag mir an der
Kenntnis. Ich benutzte sie zu allgemeinen Ideen, klassifizierte
mir die Menschen, verglich sie, studierte ihre Physiognomien,
kurz machte daraus, soviel es gehen wollte, ein eigenes
Studium.“
In der Tat schritt die Zeit auf allen nur denkbaren
Wegen zum psychologischen Studium fort. Da trat neben
Lavaters physiognomische Bestrebungen später Galls Schädel—
lehre, neben guten Beobachtungen tauchten die abenteuerlichsten
Vermutungen auf; überall forschten und sondierten Physiogno—
miker und Phrenologen, und man meinte wohl, berühmte
Leute täten gut, sich vor ihnen, wie heutzutage vor Photo—
graphen, in acht zu nehmen. Auch eine wirkliche Wissenschaft
empirischer Psychologie setzte ein; wir werden von ihr noch
genauer zu erzählen haben.