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Zweiundzwanzigstes Buch.
Was aber sie, und damit erst recht alle anderen Be—
obachtungen kennzeichnete, war dies, daß man im allgemeinen
deim Einzelfalle stehen blieb. Die Psychologie insbesondere
gelangte durch einseitige Hervorhebung des Singulären in
ihrem Erfahrungsmaterial schließlich zu einer so bunten An—
häufung von Einzeltatsachen, daß sie das Notwendige und
Gesetzmäßige an ihnen nicht zu finden wußte: worauf sie an
Überlastung elend zugrunde ging. Um so mehr gewann auf
dem eingeschlagenen Wege die gemeine Erfahrung. Man sieht
sie ordentlich wachsen, wenn Heinse einmal an Gleim schreibt:
„Aus den Briefen eines Menschen kann man am besten sehen,
wie mancherlei Zufällen ein Mensch unterworfen ist, wie die
Donnerwetter, Regen und heiterer Himmel und Frühling,
Sommer, Herbst und Winter in dem menschlichen Herzen und
Geist abwechseln; kann man das nicht daraus ersehen, so
sind es keine Briefe, wenigstens keine freundschaftlichen.“
Dabei wandte sich das Interesse natürlich ganz besonders
den modernsten Erscheinungen des Seelenlebens zu, den
„Empfindungen und Leidenschaften“: diese in ihrer Entstehung,
ihrer Verwandtschaft, ihrer Umwandlung, Wachstum und Ab⸗
nahme kennen zu lernen, wurde kein Mittel, vor allem auch
nicht das der Selbstbeobachtung, gescheut!.
Und das Ergebnis war außerordentlich. Auf den land—
läufigsten Gebieten des psychologischen Empirismus kam man
bis zu einer fast haarspaltenden Eindringlichkeit der Be—
obachtung; so hat Abbt zwischen 1756 und 1760 eine Schrift
mit dem Titel verfaßt: „Beweis, daß die Freundschaften unter
den meisten Damen viel sublimer seien, als die Freundschaften
unter den meisten Personen des anderen Geschlechts.“ Das
Gesamtergebnis aber hat Goethe kurz und gut in einem be—
kannten Satze von Dichtung und Wahrheit (Buch XIII) zu⸗
sammengefaßt: „und so ward man, da ppolitische Diskurse
wenig Interesse hatten, mit der Breite der moralischen Welt
ziemlich bekannt“.
Eberhard, Allg. Theorie des Denkens und Empfindens (1776).