Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 265 
Es ist ein für die Geschichte aller Phantasietätigkeit ent— 
scheidendes Ergebnis, soweit diese den Menschen zum Gegen— 
stande hatte. Ein ganz neuer, höherer Naturalismus der Be— 
obachtung und künstlerischen Wiedergabe trat ein, als ihn je 
ein früheres Zeitalter deutschen Seelenlebens gekannt hatte: 
nicht bloß, daß das Feld der psychologischen Beobachtung 
außerordentlich erweitert war, auch die Intensität der Er— 
fassung war überwältigend. So trat z. B. die volle Be— 
obachtung der sozialpsychischen Kräfte, namentlich der un— 
bewußt waltenden, erst jetzt auf: Herder war es, der sie zuerst 
klar schauenden Blickes im Bereiche dessen, was er Volksseele 
nannte, entdeckte: und der Intensität der Gefühlsbeobachtung 
entsprang wie eine neue Dichtung, so vor allem auch eine 
neue Musik von unerhörter Dynamik, als deren erster, seiner 
Stellung sich voll bewußter Meister der Ritter von Gluck ver— 
ehrt wurde. 
Gewiß war damit Seelenkenntnis und Kraft und Kunst 
der Wiedergabe seelischer Vorgänge noch nicht bis zu dem 
Grade von Eindringlichkeit und Umsicht gesteigert, über welche 
die heute verlaufende Periode des Subjektivismus verfügt; 
noch Jean Paul, dieser Spätling des Seelenlebens der Empfind— 
samkeit, malt, wo er Narren und seltsame Begebenheiten 
—DDDD 
und Gefühl direkt und hat nur hier und da Vorahnungen 
der suggestiven indirekten Darstellungsformen der Gegenwart. 
Aber darüber lassen doch Dichtung und Musik, wie auch die 
seelischen Seiten der bildenden Kunst und der Weltanschauung, 
keinen Zweifel, daß ein von der Fähigkeit des individua— 
listischen Zeitalters durch eine gewaltige Kluft geschiedener 
Naturalismus entstanden war, der sich in entwicklungs— 
geschichtlich einem neuen Zeitalter angehörigen Schöpfungen 
auswirkte. 
Das Gleiche aber, wie für die Kenntnis des Menschen, 
gilt auch für die Auffassung der Natur und ihre phantasie— 
oolle Wiedergabe. Wie die neue Zeit im Bereiche des Seelen— 
lebens erst das Sozialpsychische, man möchte fast sagen, ent—
	        
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