Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, nenues Seelenleben. 
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Ein Jahrhundert später aber singt, freilich ein besonders 
fortgeschrittener Vertreter der Dichtung seiner Zeit, Gottfried 
Bürger!: 
Run ruht, ihr matten Kräfte, 
Vom Joche der Geschäfte, 
Das unsern Nacken drückt. 
Schau. wie der Quell der Wonne, 
O Seele, wie die Sonne 
Mit rotem Antlitz nach dir blickt. 
Noch seh' ich ihre Strahlen 
Den Abendhimmel malen; 
Roch hängt ihr Silberlicht 
An Blättern und Gesträuchen: 
Noch spiegelt fie in Teichen 
Ihr feuerrotes Angesicht. 
Es streckt sich Berg und Hügel, 
Der Vogel färbt die Flügel 
Und schwimmt in Sonnenglut. 
Doch jetzo geht sie unter, 
Der Kreaturen Wunder, 
Und malt den Horizont mit Blut. 
Aber nicht immer wirkte der Naturalismus mit dem ruhigen 
Fächeln der Verse eines Abendgedichtes. Er konnte auch ver— 
heerend wüten in den Dramen des Sturmes und Dranges; 
in sich trug er keinerlei Prinzip des Maßhaltens, und nicht 
wenige sind untergegangen, die sich ihm ganz verschrieben, sei 
es auf dem Gebiete des Dichtens oder des Denkens. Was 
es daher zu erreichen galt, das war ein neues ständiges und 
stetiges Prinzip phantasievollen Schaffens, eine neue ästhetische 
Dominante. In diesem Sinne hat Klopstock schon 1747 einen 
neuen deutschen Boileau ersehnt: 
1VBgl. dazu Ergänzungsband J zur Deutschen Geschichte (Zur jüngsten 
Deutschen Vergangenheit 1) S. 208 ff., wo das zu Bürgers Gedicht parallele 
Gedicht von Claudius „Der Mond ist aufgegangen“ abgedruckt ist. Es 
hätte auch hier als Beispiel gewählt werden können.
	        
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