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Zweiundzwanzigstes Buch.
aber hat in vollen Zügen gekostet, wie es beseligt, Liebling
des Volkes zu sein. Als in Leipzig die erste Aufführung der
Jungfrau von Orleans in Gegenwart des Dichters stattfand,
und das Stück unter lebhaftem Feiern des Dichters beendet
war, da strömte das Volk hinaus und erwartete den Dichter
auf dem Platze vor dem Theater. Und als er heraustrat, wich
es ehrerbietig zurück, der Weg wurde freigemacht, die Häupter
entblößten sich: er schritt durch die Menge. Und hinter ihm
flüsterten die Eltern den Kindern zu: „Seht, das ist er!“
5. Halten wir einen Augenblick inne, um auf den In—
halt des letzten Abschnittes zurückzublicken, so ergibt sich schließ—
lich doch ein ziemlich einfaches Bild. Wir sehen, wie die neue
Zeit mit trüben Gärungen, mit einer Dissoziation des Seelen—
zustandes des Individualismus beginnt: wir nehmen wahr,
wie sich diesem Verluste einer bisher durch klare Ideale aus—
gezeichneten psychischen Haltung und seinen Folgeerscheinungen
ein neuer Naturalismus der Phantasietätigkeit und eine Form
wissenschaftlicher Forschung entringen, die nur noch die Einzel—⸗
heiten sieht und schätzt, statt zu erhöhter Begriffsbildung fort⸗
zuschreiten: und wir werden endlich Zeugen einer dritten
Entwicklungsstufe, in der sich die Phantasietätigkeit zu neuen
ästhetischen Gesetzen, die Wissenschaft, wie an späterer Stelle
zu erzählen sein wird, zu einer neuen Begriffswelt empor⸗
ringt.
Es sind Vorgänge, die sich auf sittlich-religiösem Gebiete
in analoger Weise wiederholen. Auch hier Sturz des Alten:
Kampf gegen den aufklärerischen Staat und Opposition gegen
das Utilitätschristentum des Rationalismus. Auch hier ein
ethisch-religiöser Naturalismus, der, innerhalb der allgemeinen
Auflösung des Herkömmlichen und Schwächung der Willens—
seite der menschlichen Betätigung nur auf den schwankenden
Grund des Gemütslebens baut: und auch hier schließlich neue
Frömmigkeit, neue sittliche Ziele und Maßstäbe.
Am eigenartigsten verlief diese Entwicklung vielleicht auf
dem religiösen Gebiete. Denn hier war sie nicht völlig frei: