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Zweiundzwanzigstes Buch.
Aber daneben wollten viele, wollte vor allem die Menge,
die im Grunde erst seit dem 17. Jahrhundert voll christianisiert
worden war, eine engere Verbindung mit dem Christentum nicht
aufgeben. Und gingen sie damit so ganz entgegengesetzten
Weges? Ließ sich der unendliche Gefühlswert des Lebens, in
dem die Zeit sich berauschte, nicht leicht mit jenem Bewußtsein
vom unendlichen transzendenten Werte der gläubigen Person in
Beziehung bringen, das als Gemeingut aller christlichen Be—
kenntnisse und aller Zeiten frommen Christentums bezeichnet
werden kann?
Im Bereiche der lutherischen Kirche, innerhalb dessen die
neue Entwicklung schon aus wirtschaftlichen und sozialen
Gründen! vornehmlich verlief, schienen allerdings die Vor—
bedingungen einer solchen Wendung nur sehr spärlich gegeben.
Gewiß: der Glaube Luthers hatte in seinem tieferen Grunde
weder auf Erkenntnis noch auf Moral beruht, sondern auf dem
Gefühl: auf der religiösen Empfindung absoluter Abhängig-⸗
keit vom christlichen Gotte. Und von diesem Grunde aus war
denn auch, nicht schon ganz durch Luther, stärker vielmehr erst
durch seine Nachfolger, eine bestimmte Erkenntnistheorie und
Ethik aufgestellt worden.
Allein der primäre Standpunkt Luthers wollte nach wie
vor erlebt, nicht begriffen sein. Und doch kamen Zeiten, die
das nicht mehr vermochten! Je mehr in dem Zeitalter des 16.
bis 18. Jahrhunderts der Intellektualismus durchbrach, um
so mehr hielt man sich nicht an den Quell des religiösen Ge—
fühls bei Luther, sondern an dessen Ableitungen. Im Anschlusse
an rationalistische Strömungen, die innerhalb der Kirche soweit
zurückreichen, daß sie schon im Jahre 1277 zu Paris eine Ver⸗
dammung erfahren hatten, und von denen die neuen Kirchen
noch ganz anders überspült wurden als die alte, entwickelte sich
aus der religiösen Erkenntnis seit der zweiten Hälfte des 16. Jahr⸗
hunderts eine steifleinene Orthodoxie, aus der Ethik seit Schluß
des 17. Jahrhunderts die religiöse Aufklärung. Es waren beides
S. u. a. oben S. 98 ff.