Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

274 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
gunsten eines persönlichen Glaubens: das war das erste, was 
man brauchte und versuchte. Aber gelang es so leicht? Im 
17. Jahrhundert hatten selbst die ersten Vertreter der Natur— 
wissenschaften noch den Unterschied zwischen den Konsequenzen 
ihrer Forschungen und dem dogmatisierten Christentum des 
Mittelalters und der Reformation wenig bemerkt oder waren 
wenigstens über ihn hinweggeschritten; noch ein Boerhaave z. B. 
hielt sich ganz zum Glauben der Väter. Ein Menschenalter 
später konnte freilich sein Schüler Haller diesen Standpunkt 
nicht mehr einnehmen. Aber vermochte er sich zu einem klaren 
gegensätzlichen Standpunkte durchzuringen? Er hat Zeiten 
durchgemacht der „Lektüre verfluchter Bücher“, die ‚Gott zum 
Lügner machen wollten“. Und da der Zwiespalt sich in ihm 
auftat, erschien er sich selbst als verrucht. Wenn das die 
Lage der Berufensten war, wie hätten sich da andere leicht 
zurecht finden sollen? Allenthalben treffen wir bei den 
Frommen neben allem Glauben auf eine fieberhafte Angst 
des Zweifels, sogar bei Jacobi, ja selbst bei Lavater — und 
dieser Zweifel nagt schließlich auch an den Glaubensvesten des 
Rationalismus: 
So wirst auch du mir noch, mein letzter Trost, geraubt? 
—A 
Es war ein Zustand, den das deutsche Gemütsleben seit 
der Mitte des 18. Jahrhunderts, wie es immer stärker der 
Empfindsamkeit und dem Sturm und Drange entgegenschwoll, 
nicht lange ertragen konnte. Einen Quell suchte man lebendigen 
Wassers, und fand man im Rationalismus kaum einen Tropfen 
mehr von köstlichem Naß, so wandte man sich schließlich, rat⸗ 
los in sich und selbst der nächsten Zukunft ungewiß, zurück zu 
dem Born der reinen Mystik Luthers, wie er unter allen Ver— 
schüttungen der lutherischen Orthodoxie noch immer vernehmlich 
murmelte. Das ist der Sinn des Briefes Lessings an seinen 
Bruder vom 3. Februar 1774: „was ist sie anders, unsere 
neumodische Theologie, gegen die Orthodoxie, als Mistjauche 
v. Creutz, Versuch über die Seele, 1754, zit. Sommer S. 71.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.