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Zweiundzwanzigstes Buch.
gunsten eines persönlichen Glaubens: das war das erste, was
man brauchte und versuchte. Aber gelang es so leicht? Im
17. Jahrhundert hatten selbst die ersten Vertreter der Natur—
wissenschaften noch den Unterschied zwischen den Konsequenzen
ihrer Forschungen und dem dogmatisierten Christentum des
Mittelalters und der Reformation wenig bemerkt oder waren
wenigstens über ihn hinweggeschritten; noch ein Boerhaave z. B.
hielt sich ganz zum Glauben der Väter. Ein Menschenalter
später konnte freilich sein Schüler Haller diesen Standpunkt
nicht mehr einnehmen. Aber vermochte er sich zu einem klaren
gegensätzlichen Standpunkte durchzuringen? Er hat Zeiten
durchgemacht der „Lektüre verfluchter Bücher“, die ‚Gott zum
Lügner machen wollten“. Und da der Zwiespalt sich in ihm
auftat, erschien er sich selbst als verrucht. Wenn das die
Lage der Berufensten war, wie hätten sich da andere leicht
zurecht finden sollen? Allenthalben treffen wir bei den
Frommen neben allem Glauben auf eine fieberhafte Angst
des Zweifels, sogar bei Jacobi, ja selbst bei Lavater — und
dieser Zweifel nagt schließlich auch an den Glaubensvesten des
Rationalismus:
So wirst auch du mir noch, mein letzter Trost, geraubt?
—A
Es war ein Zustand, den das deutsche Gemütsleben seit
der Mitte des 18. Jahrhunderts, wie es immer stärker der
Empfindsamkeit und dem Sturm und Drange entgegenschwoll,
nicht lange ertragen konnte. Einen Quell suchte man lebendigen
Wassers, und fand man im Rationalismus kaum einen Tropfen
mehr von köstlichem Naß, so wandte man sich schließlich, rat⸗
los in sich und selbst der nächsten Zukunft ungewiß, zurück zu
dem Born der reinen Mystik Luthers, wie er unter allen Ver—
schüttungen der lutherischen Orthodoxie noch immer vernehmlich
murmelte. Das ist der Sinn des Briefes Lessings an seinen
Bruder vom 3. Februar 1774: „was ist sie anders, unsere
neumodische Theologie, gegen die Orthodoxie, als Mistjauche
v. Creutz, Versuch über die Seele, 1754, zit. Sommer S. 71.