Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 275 
gegen unreines Wasser?“ — das die Meinung des heftigen Aus— 
falls in Goethes Leiden des jungen Werthers gegen die rationa— 
listische Predigerfrau; das meinen die dunkeln Aphorismen 
Hamanns und Herders leidenschaftliche theologische Dithyramben 
aus den Jahren 1774 bis 1776. 
Aber allmählich gelangte man doch auf eigenem Wege 
weiter. Wie schön hat nicht schon Hamann Kern und Wesen 
christlich-subjektivistischer Frömmigkeit beschrieben! Da versenkt 
sich die Seele in sich selbst und sucht sich den äußeren Dingen 
zu entringen. Sie steht Gott und der Welt gegenüber, den 
Wundern und dem Wunderbaren offen, weil sie alle Vor— 
stellungen der Außenwelt aus sich ausgeschieden hat. In diesem 
Zustande, der weit über Rousseaus Naturkult hinausgeht, in 
einem knospenden Moment, den Hamann als den der Idiotie 
bezeichnet, naht ihr das Glück, das da genannt wird Glaube. 
Trat man von diesem Zustande her in die Welt der 
christlichen Offenbarung, so hieß es von den Weltanschauungen, 
die sich nun leise und zunächst noch keineswegs abgeschlossen 
entfalten mußten, ganz selbstverständlich: in meines Vaters 
Hause sind viele Wohnungen. Die Seele des Fräuleins von 
Klettenberg wurde, da sie unter Druck und Not Gott suchte, 
dem Kreuze Christi durch einen geheimen Reiz zugeführt, der 
dem Zuge des Herzens zum fernen Geliebten glich, und darnach 
gestaltete sich ihr Christentum; in des Grafen Stolbergs Ge— 
schichte der Religion Jesu waltete eine süßliche Schönseligkeit, 
die mit dogmatischen Begriffen spielte; krank an Leidenschaft 
für Güte und Größe des Herzens erhob sich die Seele der 
katholischen Fürstin Galitzin aus dem Schmerze unglücklicher 
Weltliebe zum leidenden Empfängnis des Göttlichen und 
sammelte um sich einen Kreis verwandter Gemüter zu einem 
stillen Reiche des Herzens. Deutlicher schon prägte sich das 
Neue in nicht weiblichen und nicht adligen Gemütern aus, bei 
allem Gefühlschristentum zumeist mit einem Hange zur Ortho⸗— 
doxie: bei Lavater, Jung Stilling, Claudius. 
Eine mittlere Richtung der Entwicklung aber schlug vor— 
nehmlich Herder ein und wurde damit zu einem der Urväter 
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